gesichtet #79: Hitchcock-Szenen im St. Johann

Von Michel Schultheiss

Bei einem Spaziergang durch Basel warten so manche Überraschungen. Plötzlich kann etwa eine solariumgebräunte Dame mit Kriegsbemalung um die Ecke geradelt kommen, um den ahnungslosen Passanten mit französischen Kraftausdrücken zu überschütten. Es ist auch gut möglich, dass wie aus dem Nichts eine Hand auftaucht, um einen vermeintlich kostenlosen Apfel anzubieten, worauf dann aber die Bitte nach «e bitzeli Münz» folgt. Auch Basels bekanntestes Lächeln kann den Unvorbereiteten verwirren, sofern er die «weisse Fee» der Trottoirs noch nicht kennt.

Eichelhäher

Gefiederte Helikopter-Eltern bewachen ihren Schützling und verstehen keinen Spass, wenn jemand mit dem Eichelhäher Streichelzoo spielt (Foto: smi).

Mit der Zeit gewöhnt man sich wohl an Begegnungen dieser Art. Dass aber sich aber mitten in der Stadt sich ein Vogel mit voller Wucht an die Köpfe der Leute werfen kann, mag auf zunächst eher in einen Hitchcock-Streifen passen. Zielscheibe einer Eichelhäher-Attacke zu werden ist ein Privileg, welches man nicht jeden Tag geniesst. Dabei ist der Eichelhäher zunächst einmal kein Exote mehr in der Stadt: Der bunte Rabenvogel fühlt sich anscheinend in den Grünzonen Basels wohl. Generell hat die urbane Fauna vorwärts gemacht: Vorwitzige Störche im Schützenmattpark, alles andere als scheue Marder im Wohnquartier oder Stockenten, die sich immer wieder den Barfi-Brunnen als Planschbecken aufsuchen, gehören längst zum Stadtbild. All diese Wildtiere sind nicht sehr angriffig. Bekanntlich sind mühsame Hunde am Birs- und Wiesenufer, die oft von noch mühsameren Hundehaltern («Är macht nüt») begleitet werden, wohl die einzigen Tiere im Stadtgebiet, welche der Spaziergänger auf seiner Stadt-Safari zu fürchten hat.

Tatsächlich gibt’s aber auch Luftangriffe von erzürnten Eichelhähern, auch wenn sie eine Rarität sind. Im Mai dieses Jahres war ein Vogel-Attacke im St. Johann tatsächlich zu beobachten: Gleich in der Nähe der «Trattoria Bar da Sonny» war an einem sonnigen Abend ein lautes Gekrächze zu hören. Zwei Gefiederte stürzten sich auf drei junge Männer und anschliessend auch auf andere Passanten, die das Pech hatten, sich gerade dort aufzuhalten. Auch wenn es abgedroschen erscheinen mag, nun wieder «Die Vögel» von Alfred Hitchcock zu nennen: Filmreif war die Szene allemal, als sich die beiden Eichelhäher auf die Haarpracht der Leute stürzten, um dann gleich wieder aufzusteigen und den Platz von den Ästen aus im Auge zu behalten.

Eichelhäher 2

Der Jungspund in einem Vorgarten im St. Johann (Foto: smi).

Schliesslich wurde auch klar, weshalb diese Vögel so energisch auf alles, was sich bewegte, zuflatterten: Die besagten drei Typen begutachteten einen zerzausten jungen Eichelhäher. Der Kleine hatte kauerte im Rasen eines Vorgartens. Der eine der drei Umstehenden wähnte sich gar in einem Streichelzoo und fasste den niedlichen Gefiederten an, um ihn auf den Gartenzaun zu hieven. Die Altvögel lauerten aber gleich daneben und waren darauf bedacht, den Nachwuchs keine Sekunde lang aus dem Auge zu lassen. Unwissend wurde daher all denjenigen, die es gewagt hatten, sich ihrem Schützling zu nähern, eine gehörige Lektion erteilt. Mit Helikopter-Eltern legt man sich also besser nicht an. Schon gar nicht, wenn es sich um Eichelhäher handelt.


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