gesichtet #40: Da Vincis Notizbuch

 Von Michel Schultheiss

Zu abendlicher Stunde sind unerwartete Kneipenbegegnungen keine Seltenheit. Egal ob redselige Tischgäste, Blumenverkäufer oder Studentinnen, die Zigarettenmarken promoten – vieles ist zu diesen Uhrzeiten keineswegs überraschend. Es gibt aber jemanden, der auch beim abgebrühtesten Bargänger immer wieder für Verwirrung sorgen kann. Die Szene spielt sich meistens so ab: Ein Gast sitzt gemütlich in einer Bierrunde. Plötzlich taucht aus dem Nichts eine Hand auf und streckt ihm eine Orange oder einen Apfel entgegen. Der Überraschte weiss zuerst nicht, wie er reagieren soll und nimmt nach einem kurzen Moment des Zögerns die Bescherung an. Womöglich fühlt er gerade sich wie ein Junge in Theodor Fontanes berühmter Ballade «Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland», wenn auch die Obstart eine andere ist und derjenige, der sie anbietet, weniger spricht:

«Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: ‚Junge, wiste ’ne Beer?’»

Nun aber muss der vermeintlich Beschenkte feststellen, dass er es nicht mit dem guten alten Ribbeck zu tun hat, denn Gratis-Obst gibt’s nur bei Fontane.

Narcis

Stets mit Obst und geheimnisvollen Notizen unterwegs: Narcis (Foto: smi).

Wer aber ist der Mann, der nach dem Santiglaus, dem Wilden Maa und den Waggis die Basler Traditionen der Obstverteilung weiterführt? Der Porträtierte stellt sich mit dem Namen Narcis vor, seine Freunde nennen ihn auch Nasko. Er ist Rentner und ehemaliger Elektriker mit bosnischen Wurzeln, wie er sagt. Dabei ist er längst nicht so schweigsam, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte: Sehr gerne erzählt er von Themen, die ihn beschäftigen, wenn auch seine Ausführungen Nicht-Eingeweihten kryptisch erscheinen mögen. Obst ist dabei nicht sein Hauptinteressengebiet. Wie er sagt, verkauft er sie nur, um sich in seinem Lieblingsrestaurant an der Klybeckstrasse zu verpflegen. Tagsüber widmet sich Narcis seinen Vorbildern Leonardo da Vinci und Nikola Tesla. Den beiden grossen Wissenschaftlern widmet er ganze Seiten. Stets hat er ein Notizbuch dabei, um seine Gedanken und Erfindungen niederzuschreiben – teilweise in einer eigenen Schrift, die für Fremde nicht zu entziffern ist. Themen rund um die Wissenschaft, Religion und Esperanto interessieren ihn besonders. Mit Block und Bleistift, Zigaretten und Obst richtet er sich jeweils beim Barfüsserplatz ein, um seine Theorien und Skizzen zu Papier zu bringen.

Was nun, wenn sich in seinem Notizbuch geniale Ansätze befinden, die mit da Vinci Schritt halten können? Was, wenn die Welt diese Botschaft lediglich nicht entschlüsseln kann oder gar ignoriert? All dies sollte der anfangs beschriebene Kneipenbesucher im Hintergrund behalten, wenn er das nächste Mal die Narcisschen Orangen ablehnt.


%d Bloggern gefällt das: