Mysterium Morgan – Sandra Nettelbecks «Mr. Morgan’s Last Love»

Matthew Morgan hat zweifellos schon bessere Tage gesehen.

Da lernt der einsame Witwer (Michael Caine) die junge Pauline (Clémence Poésy) kennen. Die Tanzlehrerin, die selber keine Familie mehr hat, fühlt sich zum väterlichen Matthew hingezogen. Als Matthews Kinder in Paris eintreffen, sind sie schockiert – Karen (Gillian Anderson) allerdings weniger als Sohn Miles (Justin Kirk), der selber ein Auge auf die attraktive Pauline geworfen hat…

Sandra Nettelbeck ist die Regisseurin von «Bella Martha». «Mr. Morgan’s Last Love» ist nun wie schon «Bella Martha» im Grunde genommen ein reiner Mainstreamfilm, der zwar eine feinsinnige Literaturverfilmung sein will (Vorlage von Françoise Dorner), aber eine doch eher eine platte Angelegenheit ist.

zVg

Nettelbecks Film ist ein typischer euro-amerikanischer Pudding, der es allen recht machen will (Foto zVg).

Verräterisch ist die Szene, in der eine Französin, die mit Matthew ihr Englisch verbessern will, ihn darauf hinweist, dass es mysteriös sei, dass die gleichen Wörter auf Französisch und auf Englisch so anders klingen. Matthew kann sich dazu aber nicht mehr äussern, da die Szene damit bereits beendet ist. Aber vielleicht will er sich ja auch gar nicht mehr dazu äussern – schliesslich ist er kein Linguist und scheint sich zudem für das Französische in keiner Hinsicht zu interessieren – und dies, obwohl er schon seit langem in Paris lebt. Offenbar ist ihm nach dem Tod seiner Gattin die Welt abhanden gekommen. Auch sein Fach – er war Philosophieprofessor – scheint weit weg zu sein.

Wirklich mysteriös ist aber nicht der Lautwandel (dieser ist nämlich gut dokumentiert), sondern weshalb sich Pauline für Morgan Senior oder später Junior interessiert. Die Figuren bleiben blass; weder Leben noch Sterben werden wirklich thematisiert, sondern eher in Form von Klischees kolportiert. Besonders interessant erscheint dabei, dass sich Pauline als Cha-Cha-Cha-Lehrerin vorstellt, wir sie dann aber eher beim Country-&-Western-Unterricht sehen. Gerade darüber wird aber nicht geredet – was besonders verwundert, da der Gang vom lateinamerikanischen zum nordamerikanischen Tanz ja an Paulines Interesse für ihren väterlichen Freund anzuknüpfen scheint. In der Vorlage ist denn auch Mr. Morgan – der dort Armand heisst – kein Amerikaner, und Pauline ist nicht Tanzlehrerin. Was nicht verwundert, denn Nettelbecks Film ist ein typischer euro-amerikanischer Pudding, der es allen recht machen will, nicht zuletzt eben mit dem fehlbesetzten Michael Caine.

Kurz und nicht wahnsinnig gut – ein doch eher durchschnittlicher und völlig überflüssiger Film, der wohl auch Dorners Roman einen Bärendienst erweist. Schade, dass hier nicht nur Michael Caine, sondern auch Gillian Anderson verheizt wird.

«Mr. Morgan’s Last Love»  Deutschland/Belgien/Frankreich/USA 2013. Regie: Sandra Nettelbeck. Mit Michael Caine, Gillian Anderson, Clémence Poésy, Justin Kirk  u.a. Deutschschweizer Kinostart: 22.8.2013.

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