Die Firma – Kurzgeschichte von Cédric Weidmann

Von Cédric Weidmann

Zum heutigen Texttag erscheint bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» die Geschichte «Die Firma» von Cédric Weidmann. Es scheint nur auf dem Papier zu existieren, doch das namenlose Unternehmen ist ein Erfolgsmodell. Die Arbeitsbedingungen scheinen ideal – solange man den Sinn der Arbeit nicht hinterfragt.

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Cédric Weidmann präsentieren zu dürfen. zVg

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Es gibt eine höchst anerkennenswerte und erfolgreiche Firma. Sie hat ihren Sitz in der Mitte der Stadt und beschenkt das Regionalblatt regelmässig mit erfreulichen Meldungen. Vor einigen Tagen hat es festgestellt, dass sich der Verkehrswert der Firma seit dem letzten Quartal verdoppelt hat. Eine Anstellung in der Firma ist ungemein lobenswert und stellt die Familie des Betreffenden in ein vorteilhaftes Licht. Obwohl sie wenig zahlt, ist die Firma deshalb ein sehr beliebter Arbeitgeber. Gerühmt wird die Betreuung der Angestellten, denen ausgewählte Personen regelmässig Hausbesuche abstatten, um nach ihrem Befinden zu fragen oder sie zu einem Barbeque einzuladen. Ein weiterer Vorteil der Firma sind die Arbeitsbedingungen. Jeder Angestellte darf kommen und gehen, wann er will, die Arbeit von zu Hause ist erwünscht und es steht einem frei, Urlaub zu nehmen, ohne vom Chef unter Druck gesetzt zu werden. Nicht nur haben die allermeisten der Angestellten nie ihren direkten Vorgesetzten gesehen — auch wenn es häufiger vorgekommen ist, dass man einen anderen Chef oder einen Vorstandsvorsitzenden sieht, ohne ihn auf Anhieb zu erkennen —, viele Mitarbeiter sind auch noch nie am Sitz der Firma gewesen, sondern haben ihre Aufgaben von zu Hause aus angefangen. Manche dieser Aufgaben sehen zum Beispiel vor, eine Ananas oder einen Bolzenschneider zu kaufen und ihn beim Nachbarn in den Briefkasten zu legen. Damit ist der Arbeitstag im Regelfall beendet. Der Nachbar — falls er auch ein Angestellter der Firma ist — kann darauf die Ananas schneiden und in einem Mixer pürieren um den Brei zur weiteren Verarbeitung einer anderen Person in den Briefkasten zu stellen. Die Grösse der Organisation begünstigt diese Form der Arbeit, denn sie stellt sich im Zuge der Arbeitsteilung als äusserst effizient dar.

Ausgesprochen fortschrittlich ist auch das Aufnahmeverfahren. Um bei der Firma angenommen zu werden, ist keine Bewerbung nötig, jedoch liegt manchmal ein Bolzenschneider im Briefkasten eines Bürgers, der eigentlich für den Nachbarn gedacht war. Solche Fehler kommen vor und die Firma geht in solchen Fällen zum Schritt über, den falschen Empfänger einzustellen. So kann das Betriebsgeheimnis gewahrt und zugleich das Netz der Angestellten ausgebaut werden. Obwohl in manchen Stadtteilen fast alle Bürger Mitarbeiter sind, so zeigen sich doch gewisse Unterschiede in ihrer Rangordnung, die sie anspornt. Beförderungen erfolgen oft unerwartet und man kann ihr Eintreffen nicht voraussehen. Die Privilegien und Aufgaben von höher gestellten Berufen umfassen die Koordinierung kleiner oder grösserer Stadtviertel sowie Treffen im Austausch mit anderen Angestellten. Hauptsache dieser Gespräche ist meistens die Nachfragekurve und der Quartalsbericht, die von der obersten Schaltstelle der Firma veröffentlicht werden: Für gewöhnlich schlägt sich eine Gruppe auf die Seite der Risikobereitschaft und fordert eine Expansion in die Zoogeschäfte oder die Waffelbranche, während eine andere versucht auf Grundlage der Nachfragekurve, deren Skalen nicht leserlich beschriftet sind, das Gefahrenpotential eines solchen Versuchs deutlich zu machen. Die gewieften Verfechter dieser Gruppe nutzen oft den Trick, die Nachfragekurve um 180 Grad zu drehen, um das Argument der Gegner zu entkräften oder in eine unvorhergesehen Richtung zu treiben.

Bei regelmässiger Beförderung schafft man es schliesslich in den Firmenvorstand. Dies ist ein angesehener und beneidenswerter Beruf, aber auch anstrengend. Aufgabe des Vorstandes ist es, die Räte mit neuen Materialien zu versorgen, kreative Gespräche ohne festgeschriebenes Thema zu halten, und den Ersatz für die Betriebsleitung zu wählen, die täglich wechselt. Die Betriebsleitung stellt oft jemand aus den niederen Rängen der Firma, es ist aber auch vorgekommen, dass die Wahl auf eine oder einen fiel, die oder der nicht Angestellter war, weshalb das Unternehmen die Konsequenzen zog und die Person umgehend einstellte. Weil die Betriebsleitung oft unerfahren ist und sich in der kurzen Zeit nicht in das Tagesgeschäft einarbeiten kann, sind die Handlungsmöglichkeiten beschränkt. Hinderlich ist leider auch, dass dem Vorstand strengste Zurückhaltung in der Beratung auferlegt ist.

Es kann auch vorkommen, dass die Betriebsleitung oder jemand aus dem Vorstand befördert wird. Jene Angestellten haben das Glück, dass sie bei der Firma Kunde werden dürfen. Wie überall mit gutem Grund gemunkelt wird, sind die Produkte der Firma ausserordentlich erstrebenswert, nur fast unauffindbar und leider sehr teuer, so dass sie kaum jemand erwerben kann. Daher gilt dieser Job als der begehrteste unter allen, jedoch sind fast keine der Kunden bekannt, da sie wohl beschäftigt sind, durch Produktkäufe den Umsatz der Firma bei Stange zu halten. Missgünstige haben das Gerücht in die Welt gesetzt, dass sich die Produktpalette auf Fruchtsäfte und Maschendrahtzäune beschränke, aber das ist in jedem Fall natürlich Unsinn.

Cédric Weidmann, Jahrgang 1991, studiert Germanistik, Philosophie und VWL an der Uni Zürich. Er hat an Lesungen und Workshops teilgenommen, in Zeitschriften veröffenlicht und kleinere Wettbewerbe gewonnen. Er ist Mitglied der Gruppe „Jung im ALL“ und bloggt auf www.cedricweidmann.ch.

Einige Gedanken zu “Die Firma – Kurzgeschichte von Cédric Weidmann

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