DWVEBDMSBHBEBDS #27

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger vertauscht Skalpell mit Säge. Daneben operiert er Leute, erledigt Papierkram und wechselt Stoffe.

Fröhlich fühlt er sich, aufgeräumt, angefasst. Sein Gewinn will geglaubt, will gewusst sein. Viel fehlt nicht, ein, zwei Lacher, die eine oder andere Werbeunterbrechung oder Programmvorschau, und Hans Bissegger wähnte sich in einer Inszenierung. Beim Park angekommen, hält Bissegger, einer Intuition folgend, an. Sein Blick geht in die Ferne, sachlich und ohne die Ambition, sich irgendwo festzusetzen.

Dann sieht er ihn.

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Bei Fallkerb und Fällschnitt, ein Baum, so ein Baum, ein Denkmal von einem Baum, verliebte Pärchen ritzen Zukunftspläne in seine Rinde, seine Blätter schlucken CO2 und schwitzen Sauerstoff, verheissen Ruhe und Schatten und dann hat man auch noch eine Gedenkplakette an ihm angebracht, weil sich dort einst Dürrenmatt und Frisch nach einem Streit auf Brechts oder Hesses oder Koeppens oder Manns oder Anderss Pyrssinnens Vermittlung hin bei einer Flasche Wein ausgesöhnt haben sollen. Ein solches Brimborium und Traritrara um einen Baum, die paar Wurzeln, Zweige, Äste, so ein verfaulender Haufen Fotosynthese, ô Fallkerb, ô Fällschnitt! Wenn Bissegger verhindern will, dass es ihm die Welt noch an Ort und Stelle zerreisst, muss er handeln, schnell, und entschieden handeln.

Die Kettensäge liegt ihm tröstlich in den Händen, frisch geschmiert und vollgetankt, 121.6 cm3 Hubraum, 75 cm Schnittlänge, 8.7 PS. Stunden hat er dafür im Baumarkt verbracht. Nichts wie Kettenbremse ein, Schienenschutz ab, Dekoventil und Kraftstoffpumpe drücken, den Choke schliessen, am Seil reissen, Gashebel antippen, Kettenbremse lösen und los kann es gehen. Niemand stellt sich ihm entgegen. Mit geübten Schnitten bringt er den Baum zu Fall, lässt ihn, schliesslich kann er das im Schlaf, in die Lücke zwischen Tropenhaus und Systembiologischem Institut krachen. Die Menge der Umstehenden starrt ihn an; die Leute filmen ihn. Bissegger nagelt seine Visitenkarte an den Baum.

Später operiert er eine Wucherung oder Narbe, es ist ihm alles so Skalpell wie Säge, so Skalpell wie Säge, ob er Stirnen strafft oder Säureunfälle behandelt, so Skalpell wie Säge, Schnauzbart-Implantate verpflanzen, Gesichter botoxen, Tattoos weglasern, Nasen modellieren, Stirnen straffen, heimkehren, Agatho füttern, Kaffee trinken, an Fedora, an Lili denken. Zwischendurch ruft er immer wieder seine Bank an, will wissen, ob ungewöhnliche Beträge überwiesen worden seien von der Lotteriegesellschaft. Launiger Skepsis gehorchend tut er dies am Anfang, dann aus einer Art innerer Notwendigkeit, um nicht zu schreiben: Zwang.

Stoisch verabreicht er Fläschchen von Faltenfüllung, 50 Milliliter à 3750 Franken, plättet Krähenfüsschen und redet erfolglos gegen idealisierende und ästhetisierende Körperansprüche an und erledigt Papierkram, den er seiner Sekretärin gleich stapelweise auf den Tisch beigt. Zwischendurch gilt es, Fedora das Gesicht zu zerschneiden und neu zu versteppen. Davon abgesehen braucht er nur noch zu atmen und schlafen und stoffwechseln sowie ein skandalöses Elterngespräch mit Leolucas Lehrerin auszusitzen, und schon ist wieder eine Woche historisch geworden.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

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