Stossgebete – David F. Wnendts «Feuchtgebiete»

Helene wurde von ihrer hygienebesessenen Mutter traumatisiert. Nun lebt die junge Frau (Carla Juri) ihre Körperlichkeit genau im entgegengesetzten Sinne und verpasst keine Gelegenheit, neue Bakterien aufzulesen. Auch die Intimrasur mag sie eigentlich nicht – viel zu sauber. Doch der charmante Kanell hat sie davon überzeugt, dass das doch eine gute Sache ist. Prompt verletzt sie sich aber beim Entfernen von nun doch unerwünschten Haaren – und landet im Spital. So kann sie auch ihren grössten Wunsch verwirklichen: ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenzubringen, zumindest an der Bettkante. Dies meint sie zumindest …

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Viel Sex und wenig Hygiene in Roches Bestseller – so was muss ja ziehen. Die Verfilmung ist hingegen nicht darauf bedacht, Tabus zu brechen (Foto zVg).

Der Bestseller von Charlotte Roche hat ja für einigen Aufruhr gesorgt. Viel Sex und wenig Hygiene – so was muss ja ziehen. David F. Wnendt zeigt nun in seiner Verfilmung allerdings eher einen Teenager auf der Suche – einen Teenager, der noch zusammen mit dem sehr braven kleinen Bruder und der Mutter, die sich dem Katholizismus zugewendet hat, zusammenlebt. Zwar redet diese Helene – kongenial verkörpert von Carla Juri («Eine wen iig – dr Dällebach Kari») – gern über Sex und mangelnde Hygiene, doch im Grunde genommen ist sie vor allem ein Scheidungskind, das ihre Eltern wieder zusammenbringen will. Masochistische Tendenzen sind dabei nicht ausgeschlossen – einerseits setzt sie sich Ziele, die sie nie erfüllen kann (geschiedene Eltern finden nur bei Erich Kästner wieder zusammen); andererseits malträtiert sie ihren Körper dabei rücksichtslos. Mit ihren Eskapaden versucht sie zwar, aus der Welt ihrer Eltern auszubrechen, doch genau das kann nicht gelingen. Bezeichnend ist auch eine Szene, in der Kanell (Selam Tadese) ihr eine fachgerechte Intimrasur verpasst – ins Bett gehen will er aber dabei mit ihr partout nicht. «Zu jung», sagt er. Dies zeigt auch, wie wenig der Film Tabus brechen will – im Gegenteil, er erzählt im Grunde genommen ein völlig normales Teenieleben – zugegebenermassen ein bisschen wilder als anderswo. Gut gemacht ist der Film dabei auf jeden Fall – auch wenn er den fulminanten Anfang später nicht mehr toppen kann und wohl etwas nachlässt, gerade in dramaturgischer Hinsicht. Absolut sehenswert ist aber die Schweizer Schauspielerin Carla Juri in der Hauptrolle.

«Feuchtgebiete»  Deutschland 2013. Regie: David F. Wnendt. Mit Carla Juri, Axel Milberg, Meret Becker, Marlen Kruse u.a. Deutschschweizer Kinostart: 29.8.2013

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