gesichtet #86: Der projizierte Präsident

Von Michel Schultheiss

Von der Fassade herab lacht er herzhaft: Der Organist, welcher besser als Basler Regierungspräsident bekannt ist, schafft es für einmal nicht in, sondern an die Kirche. Unter seinem riesigen Konterfei wummern Bässe und es rattern die mit Dosenbier beladenen Einkaufswagen. Diverse dekorierte Soundwagen stehen bereit, diverse Leute schmücken sich mit Glitzersachen und eine Puppe, die an den Sensenmann erinnert, ragt aus der Menschenmenge heraus. Das geschieht alles wie gesagt vor dem «Stapi» Guy Morin, dessen projiziertes Porträt hell an den hohen Wänden des Sakralbaus prangt.

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Ein seltener Anblick: Ein lachender Regierungspräsident Guy Morin als ironisches Aushängeschild einer Mischung aus illegaler Party und Protestaktion (Foto: smi).

Diese Szene konnte kürzlich bei der Matthäuskirche beobachtet werden. Was danach geschah, als sich die Masse mit den Soundwagen in Bewegung setzte, dürfte teilweise bereits aus den Medien bekannt sein: Der Polizeieinsatz und die zahlreichen Graffitis und Tags, welche nun insbesondere beim Erasmusplatz und im St. Johanns-Tor zu sehen sind, wurden bereits thematisiert.

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Einer von mehreren Soundwagen vor der Matthäuskirche im Kleinbasel (Foto: smi).

Jenseits von den vorhersehbaren Ritualen, in die ein Teil der Protestierenden verfangen scheint, blieben wesentlich originellere Aktionen weitgehend unerwähnt – so etwa der projizierte «Stapi». Danke eines mitgeführten Projektors blitzte so für einen Augenblick überraschenderweise ein ironisch verzerrter Personenkult auf. Vielleicht wollten die Macher damit auf den Kontrast zwischen dem offiziellen Diskurs um Basel als offene und kulturbeflissene Stadt (wie ihn die Regierung zelebriert) und der aus ihrer Sicht etwas anders gelagerten Realität aufmerksam machen. Unter dem Motto «Kultur statt Kulturstadt» wurde schliesslich auch der Anlass aufgezogen.

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Ein Totentanz um die Kultur, welche von einer sterilen und monotonen Stadtentwicklung gefährdet wird? (Foto: smi).

«Wir machen uns die Welt wie sie uns gefällt»: Frei nach Pippi Langstrumpf kam’s zu einem «Reclaim the streets». Wie auch die Broschüre nahelegt ging’s nicht nur in den vielfach herumgereichten Begriff Freiräume: Die Protestierenden meinten damit keineswegs die verwässerte und etablierte Definition davon. Ein Missverständnis, das sie in der Broschüre gut klarstellen: Nicht etwa säuberlich abgesteckte, geregelte und von oben angeordnete Kulturreservate sind damit gemeint. Ferner sind auch das geplante Ozeanium, die Räumung von Uferlos im Juni und die bevorstehenden OSZE-Ministerratskonferenz wichtige Themen.

«Während wir für bessere Lebensbedingungen demonstrieren, geht ihr für bessere Partybedingungen auf die Strasse», meinte einmal eine kritische Beobachterin aus einem Schwellenland während einer ähnlichen Aktion in Basel. Der Einwand, welcher auf die hohe Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide in der Schweiz hinweist ist berechtigt – schliesslich sprach hier nicht jemand von einer wohlhabend-altväterlichen Warte aus, wie das sonst so oft nach solchen Protestaktionen geschieht. Doch ist es nicht gerade das stetige Einimpfen, keinen Grund zum Protestieren zu haben, etwas Einengendes, was wiederum bestimmte Protestformen hervorbringen kann? Vielleicht sind gerade solche spielerischen Aktionen wie etwa der projizierte Guy Morin ein Ausdruck dieser spannungsgeladenen Situation.

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