gesichtet #48: Die Mühle des Wissens (Zweiter Teil)

Von Michel Schultheiss

Skripte, Repetitorien, Nachschlagwerke, Notebooks, und Leuchtstifte belegen die Lesetische. Hinzu kommt die eine oder andere Mineralwasserflasche – die nach den Hausregeln einzige gestattete Form der Lebensmittelversorgung im Lesesaal der Basler Uni-Bibliothek. Neben den Tischen seit jüngster Zeit auch Plastikkörbe mit dem Logo der Basler Kantonalbank. Anscheinend sollen sie die durchsichtigen Plastiktüten, die es umsonst gibt, ablösen. Die gibt es zwar immer noch, befinden sich jedoch an einem unscheinbaren Ort beim Eingang bei der Ausgabetheke. Der helle Lesesaal der UB steht im Kontrast zu den bereits beschriebenen eher düsteren Teilen des Baus – man denke an den Eingangsbereich oder an das Freihandmagazin. Eine magische Anziehung geht auch von ihm aus – schliesslich ist er als Lernort sehr beliebt und während den Prüfungszeiten platzt er aus allen Nähten. Dabei werden selbst die neu eingerichteten Räume für Gruppendiskussionen im zweiten Stock der UB als Erweiterung des Lesesaals genutzt.

UB Tische 2

Mit Leuchtstiften und Mineralwasser unter die helle Kuppel: Ein Stilleben im Lesesaal der Uni-Bibliothek (Foto: smi).

Der Saal ist jedoch mehr als nur ein Ort der Stille. Er dient auch als Zone der Begegnung zwischen UB-Gängern mit unterschiedlichen Hintergründen. Aus der Ferne ist nicht auf Anhieb zu erkennen, wer nun zu welchem Fachgebiet gehört – auch wenn es durchaus einmal eine interessante Aufgabe für eine Studenten-Zeitung wäre, den typischen Look und die Lieblingsaccessoires nach Fächern zu untersuchen. Eine Gruppe ist jedoch sofort erkennbar: Ihre in markantem Grün gehaltenen Stämpfli-Bücher und das «Schweizerische Zivilgesetzbuch» vom Schulthess-Verlag, welches ebenfalls in dieser Farbe gehalten ist, verraten sie auf Anhieb. Anhand dieses Merkmals lassen sich die Juristen unter den Lesenden zu erkennen. Oder besser gesagt diejenigen von ihnen, welche nicht im neuen Zuhause im Jacob Burckhardt –Haus von ihren Kommilitoninnen in Gespräche verwickelt werden wollen und lieber dem alten Lesesaal die Stange halten. Ein weiteres Charakteristikum dieser Studierenden ist es, dass sie die genannten Wälzer oder Repetitorien stets mit Leuchtstiften einzufärben pflegen. Einige von ihnen tun dies derart exzessiv, dass frei gelassenen Abschnitte mehr auffallen als die mit Neonfarben übertünchten Stellen.

Für manche Lernende ist die UB zur Alltagsroutine geworden. Dazu gehört ebenso die Cafeteria, in welcher die Wahl der Kaffeetasse gut beachten muss, um nicht fälschlicherweise für einen Kaffee Crème den Preis einer Schale bezahlen zu müssen. Ebenso gehören zur UB die Toilettenwände, die immer wieder in erstaunlicher Art und Weise die alles andere als intellektuellen Ergüsse ihrer gebildeten Besucher zu Tage fördern. All dies gehört zum Ambiente der UB, die wie Krabats verzauberte Mühle Tag für Tag Leute in ihren Bann ziehen vermag. Es sind aber längst nicht nur Studierende, welche ihr nicht widerstehen können. Für einen manchen geht der Sog der UB weit über das Studium hinaus oder hat damit gar nichts zu tun. Auch wenn sich viele Studierende hin und wieder über seltsame ältere Leute wundern oder gar mokieren, die dort regelmässig auftauchen, geht dabei oft vergessen, dass die Bibliothek ein öffentlicher Ort ist. Das dort gehortete Wissen ist für jedermann zugänglich und die Infrastruktur kann von allen Leuten genutzt werden. Manche finden es dort vielleicht einfach «heimelig» und behaglich.

Der treueste Gast unter ihnen ist wohl der barfüssige Mann, der von sich sagt, dass er gerne Mathematik studiert hätte. Er habe aber stets den Studierenden bei ihren Aufgaben geholfen. Vermutlich hat die Faszination für den Ort des Wissens nicht nachgelassen: Von der Mensa zieht es den Autodidakten täglich in die UB-Cafeteria oder in die Mensa. Für ein Plauderstündchen mit den Uni-Angestellten an der Garderobe oder bei der Cafeteria-Theke ist er immer zu haben. Längst gehört er sozusagen zum Inventar der UB. In seiner stets weissen Kleidung, die an einen Seefahrer erinnert, könnte man ihn als einen guten Geist des Hauses halten, der etwas Abwechslung in die monotonen Hallen bringt. Als Kapitän behält er den Kurs des Bibliotheksschiffs im Auge und kennt dessen Mannschaft bestens.

Nicht selten sind auch tragische Figuren in der UB anzutreffen, die leider oft zum Gespött von unsensiblen Zeitgenossen werden und deren Situation noch immer ein Tabu-Thema darstellt. Dazu gehört etwa der Studienabbrecher in fortgeschrittenem Alter. Obschon kein Jus-Student mehr, sucht er den Lesesaal mit der gleichen Selbstdisziplin zur Morgenstunde auf – mit dem Unterschied, dass nicht mehr das «Schweizerische Zivilgesetzbuch», sondern eine Tageszeitung auf seinem Tisch liegt. Ganz anders verhält sich ein weiterer Stammgast: Die Dame, die jeweils mit einem grossen Koffer anrückt und ein Pendel über einen Berg von Notizen schwingt. Viel auffälliger als dies ist aber, dass sie nicht selten im Lesesaal einschläft oder manchmal Studierende, welche ein Natel oder ein Notebook auf dem Tisch liegen haben, aus unerfindlichen Gründen anfaucht. Womöglich ist die Strahlenbelastung ein Hindernis für das Pendeln oder das Nickerchen im Lesesaal. Des Weiteren ist die ältere Frau mit der Gehhilfe zu erwähnen, welche – nicht selten mit lauten Ankündigungen ihres Ankommens – jeden Nachmittag den Sonderlesesaal aufsucht.

UB Tische

Die Juristen sind im Lesesaal leicht zu erkennen (Foto: smi).

Andere UB-Besucher – meist ganze Gruppen von jungen Männern – zieht es zu den Computern im Katalograum. Dabei peilen sie diejenigen Maschinen an, die ohne Uni-Passwort auskommen und bereits mit einer Bibliothekskarte zugänglich sind. Wiederum andere zieht es in die Zeitungsecke, von der in dieser Rubrik schon einmal die Rede war. Besonders ein Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um das Zeitungsmaterial zu kümmern. Stets betritt er mit Papiertüten die UB und macht sich daran, alle Zeitungen zu sichten und anschliessend Ordnung in den von allen Lesern verursachten Papierberg zu bringen.

Zu guter Letzt sind auch zwei weitere Basler Persönlichkeiten nicht zu vergessen, die hin und wieder die UB aufsuchen. Die eine berühmte Person ist der Hörer, der als «Pirat» bekannt ist. Der Mann mit der Augenklappe interessiert sich seit Ewigkeiten für Vorlesungen aus verschiedenen Wissensgebieten und gilt als eine Art Urgestein der Uni. Zum anderen ist Basels bekanntestes Lächeln bisweilen auch im Lesesaal zu sehen. Schon mancher in die Lektüre versunkene Student wurde von ihrem unerwarteten Erscheinen wachgerüttelt. Bei ihrem Stadtrundgang, der nicht selten durch die UB führt, blättert sie im einen oder anderen Lexikon im Lesesaal, während sie den ernsten Mienen der Studierenden ein Lächeln schenkt. Die als «Grinsefrau» bekannte Persönlichkeit, die hier auf Zeitnah auch schon ein Thema war, erlangte derartige Berühmtheit unter den Studierenden, dass ihr vor Jahren einmal in der totgesagten Online-Community studiVZ eine eigene Gruppe gewidmet wurde.

Die Liste der Gestalten, welche den Ort des Wissens bevölkern, liesse sich noch beliebig erweitern. Vielleicht sind dem Schreibenden auch manche Leute gar nicht aufgefallen. Er muss zugeben, dass auch er bisweilen schon in den Bann der Mühlen der UB gezogen wurde – sonst würde er all die Figuren und Einrichtungen gar nicht kennen. Auch wenn er keine eigentliche «UB-Vergangenheit» wie manche der beschriebenen Personen hat, kreuzt er dennoch bisweilen dort auf. Schliesslich reicht halt die Anziehungskraft des erst auf den zweiten Blick charmanten Gebäudes sehr weit.

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: