gesichtet #47: Die Mühle des Wissens (Erster Teil)

Von Michel Schultheiss

Es gibt Gebäude, die nach erstmaligem Betreten niemals wieder verlassen werden können. Von diesen Orten geht für manche Leute ein Sog aus, der nicht so schnell wieder loslässt. Zu dieser Kategorie gehört etwa die verzauberte Mühle in Otfried Preusslers «Krabat». Oder die Uni-Bibliothek in Basel. Während beim Ersteren die Mühlknappen von einem Müllermeister mit bösen Absichten festgehalten werden, ist es beim Letzterem ganz anderer Zauber, der die «Bewohner» des Gebäudes in den Bann zieht. Für viele ist die Bibliothek zu einer Art Heimat geworden. Für manche lässt sich die Nabelschnur zur Wissenshort der Alma Mater auch über das Studium hinaus nicht so leicht kappen.

UB Treppen

Die «Graue Eminenz» unter den Basler Uni-Gebäuden: Der Eingangsbereich der Uni-Bibliothek aus der 60er-Jahren (Foto: smi).

Bevor ich aber in einem zweiten Teil auf all die Menschen, welche die UB bevölkern, zu sprechen komme, soll erst einmal geschildert werden, wie der Bau aussieht, welcher auf viele eine derartige Anziehungskraft ausüben kann. Das Hauptgebäude wurde zwischen 1962 und 1968 am Standort der alten Uni-Bibliothek errichtet. Ein markantes Kuppelgebäude, welches sich einst an der Schönbeinstrasse befand, wurde zugunsten eines Neubaus des Architekten Otto Senn abgerissen. Diese Entscheidung kam nicht überall gut an: Der Historiker Werner Kaegi etwa bedauerte damals, dass das Kernstück mit der Kuppel einer «gedankenlosen Sachlichkeit» weichen musste. Im «Inventar der schützenswerten Bauten (INSA) 1940-1970» wird der fünfeckige Bau hingegen als «eines der ästhetisch überzeugendsten Werke des Funktionalismus der 1960er Jahre» beschrieben. Besonders die «nüchterne Eleganz der Details» und die «besondere Kuppelform» des Lesesaals werden dabei genannt.

Wenn es auch über die Gestalt der UB geteilte Meinungen gibt, so ist sicher, dass der Bau – abgesehen vom genannten hellen Lesesaal –seither eine «Graue Eminenz» geblieben ist: Eine eher monotone Atmosphäre empfängt den Besucher beim Betreten des Gebäudes. Dies hat sich in den letzten Jahren allerdings ein wenig verändert. Dem etwas trüben Eingangsbereich wurden rote Farbtupfer in Form von Schliessfächern verpasst. Dies hat mit den Hausregeln zu tun, welche von ein paar Jahren – sehr zum Unbehagen vieler Studierender – eingeführt wurden. Mit einem deutlichen Schild werden die Bibliotheksbenutzer schon am Fuss der Treppe belehrt, dass Taschen und Rucksäcke im Lesesaal nichts zu suchen haben. Da die Garderobe während den Prüfungszeiten überlastet ist, wurden die Schliessfächer eingeführt. Während den akademischen «Rush hours» sind allerdings auch diese überfüllt. Hinzu kommt, dass manche Studierende die Kästchen offenbar als Dauer-Depots nutzen. Daher kommt es hin und wieder zu nächtlichen Razzien, bei welchen die Schränke abends zwangsentleert und mit einem ermahnenden Aufkleber an die Adresse des Nutzers versehen werden.

UB Verbotsschild

Am Ort des Wissens nimmt man es genau mit den Hausregeln: Das Taschen- und Jackenverbot im Eingangsbereich bei der Garderobe (Foto: smi).

Links neben den Schliessfächern befindet sich die beliebte Zeitungsecke, die hier auf Zeitnah schon mal ausführlich beschrieben wurde. Lassen wir sie links liegen und erklimmen die Treppen: Bei der gläsernen Eingangstür schmückt ein buntes Gemälde des Basler Malers Hans Weidmann die Wand. Es handelt sich um eines von zwanzig 20 Dekorationsspanneaux, welche keinem Geringeren als dem Galeristen und Museumsgründer Ernst Beyeler zum 75. Geburtstag geschenkt wurden. Ein weit unscheinbareres Kunstwerk ist gleich daneben zu sehen: Die Skulptur aus Carrara-Marmor – das «Zweieck» von Beth Sarasin – wurde dort in die Ecke gezwängt.

Beth Sarasin Zweieck

Eine in die Ecke gezwängte Skulptur: «Zweieck» von Beth Sarasin aus dem Jahr 1969.

Wer vorbei an den beiden Kunstwerken den Eingang betritt, sieht als Erstes die Rückgabe-Box – eine Gefälligkeit für all diejenigen, die es eilig haben und von den strikten Hausregeln abgeschreckt werden, das Gebäude mit Jacke und Tasche zu betreten. Als Nächstes wird die Besucherin mit dem neu geschaffenen Berufsfeld des UB-Eingangskontrolleurs konfrontiert, die sich um die Einhaltung der bereits erwähnten Regeln bemühen. Einst gab es dort noch eine Art improvisierte Garderobe, die aber – vermutlich wegen Überfrachtung – bald einmal abgeschafft wurde. Vor dem Tisch der Eingangskontrolleuren stauten sich nämlich die Mäntel und Rucksäcke. Auch in dieser Zone trifft die UB-Nutzerin auf Kunstobjekte. Die «polyvolume Skulptur» der bekannten brasilianischen Plastikerin Mary Vieira stellt sich dem eilenden UB-Besucher in den Weg.

Diskret im Hintergdund des Entrées befindet sich ein weiteres Kunstwerk, das Gemälde «Im siebenten Boden» von Urs Werner Hauser. Es gibt gewissermassen einen Vorgeschmack auf das Freihandmagazin. Der imaginäre siebte Boden spielt auf die sechs Etagen des Magazins an. Der Anblick des Bilder weckt Assoziationen an das Knarren der Holzböden unter den Sohlen und an den Duft nach alten Büchern im Freihandmagazin. Dieser Flügel der Bibliothek an der Bernoullistrasse ist sichtlich älter der Hauptbau. Er wurde 1912/13 erbaut. Wer schon alleine in diesem alten Flügels herumgeirrt ist und dabei gar auf den versteckten Lesesaal im Untergrund gestossen ist, könnte tatsächlich annehmen, dass ein solcher siebter Boden tatsächlich existiert. Vielleicht ist er ein Zuhause für all die Geister, welche für die unheimlichen Geräusche in den Stockwerken mit den hölzernen Gestellen sorgen. Doch nicht nur im Freihandmagazin, sondern auch allgemein gibt es in der Karbatschen Mühle namens UB Erscheinungen, die bisweilen gespenstisch anmuten mögen. Von diesen soll in der nächsten Ausgabe von «gesichtet», welche ebenfalls der Bibliothek gewidmet ist, die Rede sein.

 

Die Informationen zur Geschichte der UB stammen von der Jubiläumsseite der Uni Basel: www.unigeschichte.unibas.ch/behausungen-und-orte/neue-zentren-am-rand/universitaetsbibliothek/erweiterungsbau-universitaetsbibliothek.html

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