Koeppen und (k)ein Ende – Jan Decker über Walter Erharts «Wolfgang Koeppen. Das Scheitern moderner Literatur»

Walter Erharts Studie zu Wolfgang Koeppen skizziert Literatur nach der Literatur; das literargeschichtlich omnipräsente Diktum von Koeppens Schweigen wird hinterfragt.

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Der grosse Roman Koeppens war schon in seinem Ansatz paradox. Er sollte avantgardistisch sein, und doch ein Familienroman der Jahre 1870 bis 1948. Autobiografisch, und doch nicht von der Autor- oder Erzählerfigur bestimmt. Das Paradigma der modernen Literatur tritt als eine historische Krisengestalt auf, die mit ihrer dogmatischen Fracht, dem Auflösungsparadigma, ein Feuerwerk eigener Art entzündet, plötzlich erlischt und wie bei Koeppen nur noch in Nebentexten (Kurzprosa, Drehbücher) nachglimmt oder auskühlt. (zVg)

Von Jan Decker

An Wolfgang Koeppen scheiden sich die Geister. Er ist vornehmlich ein Autor der Intellektuellen, der Geister im Wortsinn, der mit drei in rascher Folge nach dem Zweiten Weltkrieg publizierten Romanen («Tauben im Gras», «Das Treibhaus», «Der Tod in Rom») ein bis heute nachglühendes Feuerwerk des modernen Erzählens entfachte. Dass diese Romane aber nicht nur als die Symptome einer geglückten Autorenexistenz gelesen werden können, dafür gab es schon zu Lebzeiten des Autors ein starkes Indiz: Das auf sie folgende jahrzehntelange Verstummen Wolfgang Koeppens. Dieses Verstummen wurde sprichwörtlich, die Rezeptionsgeschichte kehrte sich im Fall Koeppen in eine Detektiv- und Medizingeschichte um (Symptom, Indiz). Man machte private Umstände oder die politischen Verhältnisse in der BRD für eine Schreibblockade verantwortlich, die man dem Autor pauschal unterstellte.

Erst mit der Sichtung des Nachlasses nach dem Tod Wolfgang Koeppens (1906–1996) trat eine vorsichtige Ablösung dieser Erzählung ein. Mehr und mehr schälte sich der Eindruck eines kontinuierlich schreibenden Autors heraus, der sich gleichsam im Schreiben selbst verloren hatte – neben die drei Romane trat nur noch der schmale Prosaband «Jugend» (1976). Zu einer neuen, überraschenden Erzählung gelangt Walter Erhart in seiner Studie «Wolfgang Koeppen. Das Scheitern moderner Literatur». Sie stellt die Texte Wolfgang Koeppens nebeneinander, unpublizierte Entwürfe und Notate neben die veröffentlichten Texte, und rekonstruiert so ein bisher unbekanntes Projekt: Den grossen Roman, den Wolfgang Koeppen über vier Jahrzehnte zu schreiben wünschte, aber nicht schrieb.

Auf scharfsinnige Weise gelangt Walter Erhart, ehemaliger Leiter des Wolfgang-Koeppen-Archivs Greifswald, zu einer Erzählung der verschleppten und chronisch infektiösen Moderne: Wolfgang Koeppen verfolgte über viele Jahrzehnte das Projekt eines grossen Romans – der jedoch ganz anders konturiert sein sollte als seine drei berühmten Nachkriegsromane. Während diese schon im Selbstbild Koeppens routiniert auf der Klaviatur moderner Stil- und Erzählmittel spielten, daher von ihm auch als kleine Romane bezeichnet wurden, sollte der grosse Roman der Aufbruch in ein neues Stück Literatur sein.

Sinnigerweise schaltet Walter Erhart dem spannenden Gang durch die Texte Wolfgang Koeppens eine Symptomatik der Moderne vor. Die literarische Epoche der Moderne konnte im Selbstbild ihrer Protagonisten (Hugo von Hofmannsthal und James Joyce) nicht aus sich selbst heraus erneuert werden, führte sie doch in eine angestrebte immer grössere Auflösung der Perspektiven, Erzählungen, Zeiten und Figuren. Sie kulminierte in den 70er-Jahren in einem selbstreferenziellen Schreiben über die Krise des Textes, die zuerst Roland Barthes überwinden wollte, in einer Art übersprunghaften Rückkehr zum vormodernen Erzählen.

Es ist spannend, diesen Konflikt nun anhand der umfassenden Textschau im Fall Koeppen nachzeichnen zu können. Der grosse, nie geschriebene Roman Wolfgang Koeppens wurde entworfen, umgebaut, verworfen – aber niemals aufgegeben. Hierin liegt die wahre Tragik im Fall Koeppen, die diese Studie aber nicht auskostet: Der grosse Roman Koeppens war schon in seinem Ansatz paradox. Er sollte avantgardistisch sein, und doch ein Familienroman der Jahre 1870 bis 1948. Autobiografisch, und doch nicht von der Autor- oder Erzählerfigur bestimmt. Das Paradigma der modernen Literatur tritt als eine historische Krisengestalt auf, die mit ihrer dogmatischen Fracht, dem Auflösungsparadigma, ein Feuerwerk eigener Art entzündet, plötzlich erlischt und wie bei Koeppen nur noch in Nebentexten (Kurzprosa, Drehbücher) nachglimmt oder auskühlt.

So liest sich die neueste Erzählung im Fall Koeppen. Sie ist – auch wenn die biografischen im Vergleich zu den literarischen Faktoren etwas unterbewertet sind, schliesslich wollte Koeppen in diesem Roman auch seine ambivalente Rolle als Drehbuchautor im NS-Film beleuchten – aufschlussreich. Der moderne Autor ist in der Gegenwart, die sich dem Paradigma des vormodernen Erzählens verschrieben hat, verschwunden. Koeppens Moderne war eine Literatur nach der Literatur.

 

Walter Erhart
Wolfgang Koeppen: Das Scheiztern moderner Literatur
Konstanz University Press
ISBN 978-3-86253-027-4
1. Aufl. 2012, 463 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag,
EUR 39.90
CHF 50.50

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