Tauben-Blick – Gedicht von Valerie-Katharina Meyer

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» das Gedicht «Tauben-Blick» von Valerie-Katharina Meyer. Federleicht scheint er zu sein, der Blick, dem wir folgen. Er wechselt von Beobachter zu Beobachteten, in den Himmel und wieder zurück zur Erde.

Von Valerie-Katharina Meyer

»Zeitnah« ist stolz, Ihnen an diesem Texttag ein Gedicht von [] zu präsentieren. Zvg

«Zeitnah» ist stolz, Ihnen an diesem Texttag ein Gedicht von Valerie-Katharina Meyer zu präsentieren. zVg

Der Blick, versponnen mit den Himbeerstauden, sucht die freie Sicht zum Himmel. Ruhig sitzt er im Geäst. Wartet auf den Moment des Flügelschlags.

Gläsernes Gurren
Aufprall von Federn
auf dem Boden

Die erste Taube pickt das Korn

Gläsernes Gurren
Aufschlag von Weiss
auf Braun

Die Tauben sind da, sie picken

Der Blick sitzt zwischen vielen unreifen und wenig reifen Himbeeren, ist mit ihnen in das grüne Geranke eingewoben. Schaut den Tauben zu.

Nur noch stilles Geflatter. Kein Gurren. Bei den Körnern herrscht Stille. Der Blick verschwindet im Federtanz.

Federn stäuben, fliegen, die Tauben tanzen. Sie streut langsam die Körner. Die Tauben kommen, picken. Korn um Körnchen: das neue Zeitmass.
Sie trällert leise, doch die Melodie verkriecht sich in ihrem zu grossen Kleid, als hätte sie Angst vor dem Echo des Flügelschlags. Immer weniger Körner: die Tauben werden lauter. Einzeln, oder zusammen, flattern sie weg. Langsamer sind die Flügelschläge, kleiner ist der Hunger.

Sie schaut ihnen nach, singt nicht mehr; sie fühlt über sich die Freiheit.
Nur den Blick, voll Sehnsucht. Ihn bemerkt sie nicht.
Umhüllt von Taubenduft, Schönheit von tanzendem Weiss auf Braun, pflückt sie eine fast reife Himbeere.
Ein Augenblick, der wie keiner ist: Ihr Mund pickt das Rot aus dem Grün.

Ob sie wohl, statt Himbeeren, den Blick verschluckt?
So könnte er endlich fliegen, befreit von seinem Stachelkäfig.

Gegen die Erde stürzen und weich landen.

Der Blick wird zur Taube
Und ihr Mund pickt Farbe aus Farbe heraus; geborgen im Wimpernschlag des
Himbeerwaldes.

Valerie-Katharina Meyer, geboren 1988 in Basel. Studierte in Thessaloniki Neugriechische Philologie, in Basel und jetzt in Zürich Germanistik, Geschichte und Islamische Welt. Sie hat schon mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und publiziert in verschiedenen Zeitschriften. Zurzeit arbeitet sie auch als Texterin.

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