gesichtet #77: Das Gruppen-Mosaik am Rheinufer

Von Michel Schultheiss

Rauchschwaden, Wickelfische, Bierdosen und jede Menge fröhliche Leute: Das ausgelassene Feiern am Rheinufer ist vom sommerlichen Basel nicht mehr wegzudenken. In den letzten Jahren sorgten lange Debatten über Wegwerfgrills, Beschwerden der Nachbarn und die neuen Buvetten für reichlich Gesprächsstoff. Immer wieder geistert auch der Begriff der Mediterranisierung durch die Medien. Abgesehen den Langen Erlen ist wohl das Rheinbord das gängige Beispiel für dieses Phänomen.

Lassen wir aber mal sowohl die negativen als auch die positiven Wertungen dieser Tendenz beiseite und widmen uns einfach nur der Beobachtung dieses sommerlichen Mikrokosmos: Verschiedene Bevölkerungsgruppen, die sich sonst kaum begegnen würden, treffen hier aufeinander. Aber halt – ja keine allzu voreiligen Schlüsse ziehen: Ob die Menschen dadurch auch offener und kosmopolitischer werden, lässt sich wohl nicht sagen. Im Freien leben sie nebeneinander, doch viele davon stets in ihren Grüppchen mit markierten Grenzen.

Chill am Rhein

Die Meile der coolen Grillmeister: Was früher noch ein Aushängeschild der Spiessbürgertums war, ist nun salonfähig geworden (Foto: smi).

Dabei ist interessant zu sehen, wie verschiedene dieser Gruppen einen festen Stammplatz haben. Daneben gibt es auch noch Einzelmasken, rotierende Gruppen und gelegentliche Durchmischungen. Beginnen wir mal den Spaziergang auf der Höhe der Dreirosen-Buvette. Bei der eingestrickten Ueli-Fähre haben sich viele Treffpunkte etabliert: Es gibt eine Brasilianer-Ecke während bei den Treppenstufen der Parkanlage stets Dancehall wummert. Am einen Abschnitt sonnen sich jeweils Musiker, wenn sich nicht spontan eine Jam-Session ergibt: Eine Gitarre oder ein Cajón lässt sich dort immer blicken.

Nicht selten trifft man bei der Dreirosen-Buvette auch auf Urs. Wie wir spätestens von Alex Capus wissen, trifft man in der Schweiz überall einen Urs an, er selbst hat sieben unter seinen Nachbarn. Dieser Namensvertreter ist aber unverwechselbar: Wie ein Walter taucht er überall dort auf, wo sich eine Party anbahnt und er ist nicht selten auch mitverantwortlich, dass Stimmung aufkommt, betritt er ja noch vor den einiges jüngeren, aber zaghafteren Studenten die Tanzfläche.

Schlendern wir weiter zur nächsten der vielen Buvetten, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind: Auf der Höhe Oetlingerstrasse Richtung wird das Rheinufer wird immer dichter besiedelter. An einem schönen Sommerabend gleich er einem Massenstrand: Es ist die Meile der coolen Grillmeister. Sie bilden keine homogene Gruppe, es ist mehr eine Ansammlung von jüngeren Leuten, die gerne grillend ein Bad in der Menge nehmen. Einst war ihr Hobby noch ein Inbegriff der Spiessigkeit: Wer erinnert sich noch an die langweiligen Grillabende mit den ungeliebten Nachbarn oder Schrebergarten-Anrainern, bei denen man sich nichts zu sagen hatte? Die Zeiten haben sich geändert: Mit nacktem Oberkörper kehren sie lässig ihr Entrecôte auf dem transportablen Holzkohlegrill, während andere mit dem Wickelfisch angeschwommen kommen.

Mitten unter die ausgelassen Schlemmenden mischt sich eine Gestalt mit einem schwarzen Umhang: Wie der Gevatter Tod humpelt er durch die Menge: «Hesch mer ächt sächs Stutz für d’Notschlofstell», jammert er verzweifelt. Nach den ersten paar Misserfolgen kniet er sich vor die nächste Gruppe hin und fällt in ein Schluchzen. Muss er mehrere Misserfolge einstecken, weicht der Tonfall nicht selten einem zornigen Flehen. Seine Anwesenheit erinnert daran, dass der Sommer nicht für alle ein Vergnügen ist.

Lateinamerikaner

Mit Bier, Merengue und Reguetón: Eine von mehreren Lateinamerikaner-Treffpunkten am Rheinufer (Foto: smi).

Nach der Meile der coolen Grillenden wird es ruhiger. Es sind einzelne Grüppchen bei den Beton-Sitzen: Kleine Gruppen von Thailändern, Tamilen oder Somaliern, die sich dort zum Plaudern treffen. Bei den Weidlingen unter der Johanniterbrücke steht auch ein Kofferkuli, der mit allerlei Sachen bepackt ist. Eine Gruppe fällt dort besonders auf: Merengue und Reguetón erklingen aus den Boxen. Eine bunte Lateinamerikaner-Community trinkt dort Feldschlösschen aus der Dose: Leute aus Costa Rica, Venezuela, Peru, Kolumbien und der Dominikanischen Republik schmeissen dort eine Party. Eigentlich befand sich der Stammplatz der Lateinamerikaner beim Ping-Pong-Tisch bei der Kaserne. Der ist aber mittlerweile weg – ob es daran lag, dass sie ihn stets besetzt hielten, ist nicht bekannt. Jedenfalls soll sich die lateinamerikanische Rheinufer-Clique zerstritten haben. Mittlerweile haben sie sich zur Johanniterbrücke verlagert, wo sie sich mit den Dominikanern vom Dreirosen-Park vermischten.

Gleich daneben wippen zwei Rastafari zu den Reggae-Vibes: Ein Äthiopier und ein Belizer sind ganz in die Rhythmen versunken und lassen sich von lauten Kollegen von nebenan nicht aus der Ruhe bringen. Nun aber geht’s weiter zur Flora-Buvette. Temporäre Territorien sind dort zu sehen, etwa Veganer mit Grill oder Kunsthandwerk-Verkäufer mit Dreadlocks und selbstgebastelten Armbändern. Aufgrund der strikten Regeln auf der Allmend sind sie hier – im Gegensatz zu manchen Touristenorten – doch eher ein seltenes Phänomen.

Rheinufer

Bei der Klingental-Fähre wird das Dosenbier vom Latte Macchiato abgelöst; weiter vorne weicht der Grill der Wasserpfeife (Foto: smi).

Bei der Kasernen-Buvette ändert sich auch die Bevölkerungsdurchmischung: Das Dosenbier weicht vermehrt dem Latte Macchiato: Akademiker, Studenten, junge Mütter treffen auf Touristen, die gerade von der Fähre her kommen. An den Boccia-Spielern vorbei Richtung Mittlere Brücke wird klar, dass mit jedem zurückgelegten Meter die Leute auch jünger werden: Rauchig riecht’s noch immer, nun aber süsslicher: Das Rheinbord ist nun von Gruppen geprägt, welche die Shisha dem Grill vorziehen.

Nach dem düsteren Durchgang der Mittleren Brücke gelangen wir zum letzten eigentlichen Treffpunkt, der vielleicht auch der speziellste von allen ist: Vor dem Männerheim der Heilsarmee sitzen gemütlich ein paar Herren: Der stadtbekannte «General», der mittlerweile nicht mehr in seiner Uniform steckt – zieht gemütlich an einer Zigarre während sich ein paar seiner Mitbewohner mit der geheimnisvollen weissen Frau unterhalten.

Somit haben die verschiedensten Cliquen ihren Platz am Rheinbord. Die «Aufteilung» des Terrains ist aber nicht in Stein gemeisselt. Stets kommen auch neue Gesichter dazu und es bleibt abzuwarten, welche Wege die sogenannte Mediterranisierung noch nehmen wird.


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