Zeig mir, wie du schreibst, und ich sag dir, dass du studierst

978-3-499-62280-9

«Das perfekte Buch für Uni-Abbrecher und die, die es werden wollen.»

Das Buch «Simulieren geht über Studieren: Akademisch für Anfänger» gibt sich als Uni-Fibel. Ist es das auch?

von Gregor Szyndler

Die Klagen über die Unverständlichkeit der Sprache «Akademisch» bündeln sich regelmässig in Verlagsprospekten und sind perfekte Talkshow-Themen. Das Buch «Simulieren geht über Studieren: Akademisch für Anfänger» von Lena Greiner und Friederike Ott bearbeitet dieses Marktsegment. Greiner und Ott geben darin zahlreiche Tipps, wie man «Akademisch» erlernen oder gegen Verständlichkeit und Klarheit fachwissenschaftlicher Texte vorgehen kann. Sie geben auch praktische Ratschläge, wie eigene Thesen rhetorisch als «unhinterfragbar» präsentiert werden können.

Methode: Pointe

Bekannte Persönlichkeiten wie Eckart von Hirschhausen, der TV-Medizin-Kabarettist, paraphrasieren Ausschnitte aus literaturwissenschaftlichen, medizinischen oder philosophischen Texten. Es liegt im Wesen des Buches, dass in diesen Paraphrasierungen Wendungen wie: «Das verstehe ich nicht …» nie einhergehen mit Präzisierungen wie: «… weil der Ausschnitt viel zu kurz ist». Die De-Kontextualisierung der Passagen hat Methode, es zählen Pointen, nicht Einsichten. Hier entpuppt sich das Büchlein als durch und durch journalistisch-kolumnistische Arbeit, die sich nur der Erinnerung an vergangene Studientage halber als «wissenschaftlich» kapriziert.

Alltagssprache trifft Fachsprache

Die Passagen, in denen Experten Texte mit einschläfernder Insistenz auf den Nenner «Belanglosigkeit» bringen, gefallen sich im immer von Neuem inszenierten Zusammenprall von Alltags- und Fachsprache. Dass sich der akademische Text an Rezipienten innerhalb eines Faches, nicht an den durchschnittlichen «Spiegel Online»-Leser wendet, zeugt jedoch nicht mehr von Fachidiotie als das vorliegende Buch von dem Wunsch, es allen recht und den eigenen akademischen Bildungsgang in Serien aufmunternder Wohlfühlphrasen vergessen zu machen.

In Frankreich essen sie Anglizismen

Es folgen ganz kurze Abschnitte, welche die akademischen Gepflogenheiten verschiedener Länder vergleichen. Wie es sich gerade im uni-nahen Journalismus so eingebürgert hat, sind diese Passagen einhändig und ohne eine einzige Belegstelle. Der humoristische Impetus des Buches als Ganzes ist unübersehbar. Dennoch stehen diese Passagen ohne ironisierende Flankierungen, die das kolportierte Halbwissen wenigstens zurechtrücken würden. Was soll man auch halten von Allgemeinplatzpatronen des Kalibers: «In Frankreich ersetzen sie Anglizismen» oder: «In Spanien erkennt man lateinische Wörter».

Merkel und Gysi auf dem Prüfstand

Unterhaltsam ist das Kapitel, in dem die Doktorarbeiten von Prominenten wie Angela Merkel und Gregor Gysi mithilfe eines «Verständlichkeitsindex» gemessen werden. Nicht fehlen darf ein darauf aufbauendes Quiz. Hier muss man erraten, welchem Prominenten welche Passagen zuzuordnen ist, welchem wissenschaftlichen Dialekt sie entstammen. Das hat nichts mit Stilanalyse zu tun (für die ja auch zuerst Grundlagen gelegt werden müssten). Vielmehr zu tun hat es mit dem Aufspüren fachspezifischer Schlagwörter – ein Leichtes bei so verschiedenen Themen wie Theologie, Physik und Jura.

Kaffeeklatsch-Gaudi-Typologie

Auch die sogenannte «Typologie der Uni-Bluffer» kommt nicht über Kaffeeklatsch hinaus. Hier heissen die Stichworte «Notfall-Bluffer» und «Kompetenzsimulant». Dass man diese Typologien im einschlägigen Uni-Kolumnen-Biotop oder im Kollegenkreis garantiert schon einmal vifer und träfer formuliert gehört hat, passt ebenso ins Bild wie die «Anwendung» der Typologie auf Phrasen und Versatzstücke, die die Autorinnen auf Hausarbeiten.de gefunden haben. So verkommt der vorgeschützte «wissenschaftliche» Anspruch definitiv zur Gaudi.

Haschkeks gegessen, Prüfung verschlafen

Immerhin von echten ProfessorInnen gesammelt haben die Autorinnen kulturpessimistische Klagen über die schwindenden Lese- und Schreibleistungen heutiger Studierender. Fast zu komisch, um wahr zu sein, sind einiger der gesammelten Ausreden kaltblütiger Studis zur Entschuldigung fehlender Leistungen. Versehentlich schnabulierte Haschkekse kommen hier ebenso zum Zug wie die physische Unfähigkeit, auf das Erklingen des Weckers mit dem In-die-Vertikale-Bringen des Körpers zu reagieren. Das hat Unterhaltungswert, und es lässt manche eigene billige Ausrede mit einem Mal brillieren.

Randständiger Nutzen

Wirklich nützlich sind die Tipps, mit denen die Autorinnen helfen, universitäre Arbeiten zu meistern. In Anbetracht der Seltenheit schreibpraktischer Veranstaltungen wirken Tipps gegen Schachtelsätze und Super- und Füllwörter Wunder an Verständlichkeit. Toll, dass an diese Passagen gedacht wurde – schade, dass sie an den Rand des Buchs gekleistert wurden. Um als Ratgeber in allen studiumbezogenen Uni-Lebenslagen Geltung zu haben, wird dem Buch auch noch das Kapitel «Pimp your Hausarbeit» beigegeben. Geht es zuvor oft genug um die mit Befremden vorgetragene Abneigung gegen vermeintliches Uni-Kauderwelsch, werden hier umgekehrt Werkzeuge zur Verschwofung und Verschwurbelung universitärer Prosa geliefert.

Vorlesungslektüre

Das Buch ist ein Lebensratgeber, der sich nicht entscheiden kann, soll er sein Thema verlachen oder ernst nehmen. Die kabarettistischen Übersetzungen «Akademisch-Deutsch» sind witzig in mancher Überspitzung, klappern und scheppern aber in der Redundanz der Schlussfolgerung: «Ausformuliert, ist das belanglos». Dass die Dissertationen bekannter Politiker auf semantische Nullrunden und rhetorische Nebelpetarden abgesucht werden, ist die mutlose, recherchearme Variante des grassierenden Virus «Plagiatsjägerei». Die Schwäche des Buchs ist der offen versatzstückte, zusammengegoogelte Charakter. Es ist vor lauter Quellen kaum eine Handschrift der Autorinnen zu erkennen – abgesehen von dem Mantra «Wir haben studiert, schreiben aber trotzdem verständlich». Natürlich ist das Ganze mit einem Lachen zu lesen, auch mit Nachsicht manch einer kalauernden Pointe gegenüber. Gerade am Anfang des Studiums, in länglichen Vorlesungen, wird sich die Mischung aus Halbwissen und Kaffeepausen-Stichworten sicher bewähren.

Was von «Simulieren geht über Studieren» bleibt

Das Buch wirkt mit der Mischung aus fremder Expertise, belegstellenloser Stereotypie und durchgehend campuskolumnenhaftem Ausdifferenzierungsgrad ermüdend. Das perfekte Buch für Uni-Abbrecher und die, die es werden wollen. Für alle andere verschwistern sich die Autorinnen zu sehr auf Vorrat mit den ach! wie sehr unter den Zumutungen akademischen Sprechs leidenden Lesern. Das Motto «Zeig mir, wie du schreibst, und ich sag dir, dass du studierst» allein macht noch kein Buch.

Lena Greiner & Friederike Ott
Simulieren geht über Studieren: Akademisch für Anfänger
rororo-Verlag
192 Seiten
ISBN 978-3-499-62280-9
ca. Fr. 14.90
auch als E-Book erhältlich