gesichtet #13: Ein Christkind im Supermarkt
Von Michel Schultheiss
Engelssichtungen beschäftigen auch heute noch viele Menschen. Besonders während der Weihnachtszeit sollte es daher naheliegend sein, den geflügelten himmlischen Boten über den Weg zu laufen – oder auch dem Christkind höchstpersönlich. Oft wird bedauert, dass das sympathische fliegende Kind mit der goldenen Haarpracht vermehrt dem Weihnachtsmann amerikanischen Zuschnitts weicht. Das Christkind, welches einst in der Schweiz den Nikolaus als Geschenkbringer (zumindest an Heiligabend) zurückdrängen konnte, hat gegen dessen Kollegen aus Übersee wiederum an Terrain verloren. Das in katholischen deutschen Gebieten verwurzelte Wunderwesen, welches in der Schweiz einen überkonfessionellen Charakter hat und daher auch im reformierten Basel gerne Wünsche entgegennimmt, ist längere Zeit unsichtbar geblieben. Während meiner Kindheit waren die goldenen Engelshaare, welche es auf den Wunschzetteln der Nachbarskinder zurückliess, die einzigen sichtbaren Spuren. Schliesslich durften wir die Bescherungsverantwortliche nicht sehen, wenn sie angeflogen kam und mussten daher der Stube mit dem Weihnachtsbaum fernbleiben, während die Grossmutter das feenhafte Wesen in die Wohnung lotste.

Die Revanche des Christkindes: Dem Weihnachtsmann amerikanischen Zuschnitts heizt vermehrt die Konkurrenz ein – selbst an dessen Heimspielen, in den Einkaufszentren.
In letzter Zeit aber war das Christkind vermehrt als Frau aus Fleisch und Blut zu sehen – nicht nur in Fernsehreklamen, Schaufenstern und auf Werbeplakaten. Es ist vermehrt an Orten aufgetaucht, an denen der viel weniger publikumsscheue, doch physisch weniger attraktive Santa Claus längst gesiegt hatte– so etwa an adventszeitlichen Sonntagsverkäufen oder an den nachweihnachtlichen Ausverkaufstagen. Es gibt dort nicht nur als Christkinder verkleidete Mädchen, welche grosse Einkaufszentren oder Werbeplakate zieren. Auch ungekünstelte, wirklich geheimnisvolle christkindähnliche Figuren sind durchaus in Supermärkten anzutreffen. So etwa die Frau ganz in weiss, welche oft im Kleinbasel unterwegs ist. Im Bus ist sie ebenfalls anzutreffen – unverkennbar durch das Lächeln, welches sie den Fahrgästen schenkt. Aber Achtung: Die Passantin ist nicht zu verwechseln mit einer anderen, viel bekannteren weissen Frau, von der hier kürzlich auch schon die Rede war. Jene hat sich ihrer strahlenden Miene Stadtbekanntheit erlangt. Noch weniger berühmt ist deren Schwester im Geiste, ebenso schneeweiss und lächelnd sie, wenn auch viel weniger markant. Beide Gesichter sehen aus, als ob sie uns eine frohe Weihnachtsbotschaft übermitteln wollten. Doch nur wenige nehmen sie wahr: Da nun wieder nach den Feiertagen die Leute in die Läden strömen, um Geschenke umzutauschen, Gutscheine einzulösen oder den Ausverkauf zu nutzen, ist darauf zu achten, ob nicht in der Menschenmenge nicht doch plötzlich eines der beiden Christkinder auftaucht. Der Wunschzettel fürs nächste Jahr ist also schon einmal bereitzuhalten.
