gesichtet #28: Das heutige «andere Basel»

Von Michel Schultheiss

Längst gehört er zum Basler Strassenbild. Beinahe jeder ist ihm schon über den Weg gelaufen. So ist es nicht verwunderlich, dass er im letztjährigen 80-minütigen Stadt-Rap «1 City 1 Song» erwähnt wird. Auch in einem Hunkeler-Krimi von Hansjörg Schneider hat eine Figur, die vermutlich ihm nachempfunden ist, einen kurzen Auftritt. Manchen ist er etwas unheimlich, denn manchmal schimpft er auf die Passanten ein. Böse Buben sollen ihn schon geärgert und bis an seinen Wohnort verfolgt haben. Mit Tarnanzug, Fischermütze und einem Bündel Umhängtaschen streift er durch die Strassen.

Stadtoriginal General

Ein Basler Urgestein, welches sowohl in die Literatur wie auch in die Hip-Hop-Szene Eingang gefunden hat. (Foto: smi)

Ähnlich wie um die ebenfalls stadtbekannte lächelnde Frau, ranken sich auch um ihn die wildesten Legenden. Solche Gerüchte gibt es meist in mehreren Versionen. So ist seine angebliche Vergangenheit als Fremdenlegionär bereits ein Gemeinplatz. Manche wiederum bestreiten das und verweisen diese Geschichte ins Reich der Mythen. Auch zu seinem von Brandnarben gezeichneten Gesicht werden tragische Anekdoten erzählt. Zudem wird er immer wieder anders genannt. Einigen ist er als «der General» oder «Legionär» bekannt, andere kennen ihn unter nicht gerade charmanten Bezeichnungen wie «Schmürzeli» oder «General Schmürzel».

So genannte Stadtoriginale wie dieser berühmte Tarnanzugträger sorgen immer wieder Gesprächsstoff. Manche Persönlichkeiten, die als Inbegriff eines Stadtunikats gegolten haben, sind trotz ihres Todes in lebhafter Erinnerung. So etwa der gesellige und humorvolle Blueme-Fritz. Als Verkäufer, FCB-Fan und Künstler ist er unauslöschlich im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert. Ebenso der Megafon-Urs, welcher ebenfalls vor ein paar Jahren von uns gegangen ist. Als Stadtausrufer «rezitierte» er stets Speisekarten, Verkaufsaktionen und Veranstaltungskalender in den Strassen.

Nebst «General» und «Grinsefrau» gibt es heute noch eine ganze Reihe weiterer origineller Persönlichkeiten – so etwa der Sikh-Strassenwischer mit dem Turban, der ehemalige Stadtgärtner mit Sundgauer Tracht, der obdachlose Mann mit dem Kofferkuli, der Mundartpoet Saubi, der Medizinmann oder der Anti-Jesus. Ebenfalls bekannt sind der Geheimagent, die markant geschminkte Velofahrerin, der verhinderte portugiesische König, die Akkordeonistin am Barfi, der Obst-Verkäufer sowie der Uni-Hörer mit der Augenklappe, um nur ein paar wenige zu nennen.

Das Phänomen der Stadtoriginale ist nicht neu. Eugen A. Meiers «Das andere Basel» beschäftigt sich mit solchen Persönlichkeiten aus den vergangenen drei Jahrhunderten. Meiers stadtgeschichtliche Anekdoten sind wohl aus keinem Antiquariat mehr wegzudenken, und sie füllen so manches Basler Büchergestell. Das «andere Basel» wird von Pfründern des Bürgerspitals, Hausierern, Tagelöhnern, Sandmännchen und «Trunkenbolden» bevölkert. Aber auch etwas verschrobene Akademiker und Sprösslinge aus vornehmen Familien finden ihren Platz in Meiers «Hinterhaus-Adel». Schon 1880 soll eine Basler Tageszeitung festgestellt haben, dass Basel reich an «sonderbaren Käuzen» sei. Gemeinsam ist ihnen die Existenz ausserhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Diese originellen Randfiguren wurden sowohl geschätzt wie auch gefoppt und karikiert. Sie trugen schillernde Übernamen wie Pfluume-Bobbi, Änishänsli, Fotzeldorli oder krumme Lieni. Die wohl bekanntesten dieser Figuren aus dem 19. Jahrhundert waren Niggi Münch und Bobbi Keller. Eine Karikatur von Hieronymus Hess aus dem Jahr 1829 verewigt die zwei. Heute zieren die beiden gutmütigen Gesellen übrigens den Retro-Shop «Bebbi Träff» auf der Lyss.

Auch heute treten so manche originelle Figuren in die Fussstapfen von Niggi und Bobbi. Und dies, obschon der damalige Regierungsrat Edmund Wyss in einem Vorwort zu «Das andere Basel» schrieb, dass heutzutage kaum mehr Stadtoriginale zu sehen seien. Der Sozialstaat erspare solchen Leuten oft die Arbeit in der Öffentlichkeit. Daher färbten sie heute nicht mehr das Stadtbild und würden eher in der Isolation verharren.

Heute müsste die Feststellung von Wyss etwas relativiert werden. Zwar sehen wir kaum mehr fliegende Händler, Sandmännchen oder Laternenanzünder auf der Strasse. Zudem ist es auch so, dass viele Leute, die nicht der sogenannten «Norm» entsprechen, in einer Institution untergebracht sind. Dennoch ist es nie gelungen, solche Personen vollständig aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Immer wieder verleihen sie der Stadt neue Farben. Gleichzeitig hält auch die Faszination für sie an. Oft jedoch – und dies ist auch eine Selbstkritik des Fotokolumnisten – ist es nur ein kleiner Schritt zur Exotisierung dieser Individuen. Indem man sie in eine Art städtisches Kuriositätenkabinett steckt, droht gleichzeitig der Respekt gegenüber diesen Menschen zu leiden. Auf der anderen Seite kann die Beschäftigung mit ihnen positiv aufgefasst werden: Sie beeindrucken womöglich deshalb, weil sie der Gleichförmigkeit widerstreben. Schon allein ihr Dasein im öffentlichen Raum ist – wenn auch nicht immer bewusst – ein Statement gegen die Normierung. Und auch ein Zeichen dafür, das sich Sonderlinge nicht einfach in abgetrennte Räume verbannen lassen. Zwar beanspruchen manche Leute für sich, individualistisch oder originell zu sein. Und einige sehen sich selbst bei den Randgruppen. Doch wenige kommen an die genannten Stadtoriginale heran, die stets neugierigen, erschrockenen oder belustigenden Blicken ausgesetzt sind.

Woher rührt aber diese Faszination? In «Wahnsinn und Gesellschaft» von Michel Foucault lassen sich Überlegungen dazu finden. Foucault spricht von einer «Notwendigkeit des Wahnsinns». Oder mit anderen Worten: Erst die Nacht des Wahnsinns macht das Licht der Vernunft möglich. Die aus der Norm Fallenden erinnern den «Vernünftigen» daran, dass der Mensch gewissen Mechanismen unterworfen ist und einfachen Wünschen folgt. Vielleicht erinnern auch die genannten Stadtoriginale immer wieder daran. Und somit hat selbst der schimpfende General mit den Brandnarben mehr mit uns zu tun, als wir auf den ersten Blick glauben.

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