Videofachklasse mit Sally Potter

Sally Potter ist in der europäischen Filmszene keine Unbekannte. Die Engländerin hat Johnny Depp und Cate Blanchett inszeniert, hat «Orlando» und «Yes» gedreht. In Basel gerät die Vorpremiere von «Ginger & Rosa» etwas arg zur Lehrstunde, zur Videofachklasse.

 

Die Farbenlehre nach Sally Potter. Das Plakat zeigt es deutlich.

Die Farbenlehre nach Sally Potter. Das Plakat zeigt es deutlich.

Charmant ist sie, und Künstlerin, durch und durch: «Es ist wie ein Wunder, hierzusein. Zuerst schreibt man das Drehbuch und ist einsam, wenn der Film dann erscheint, ist es wie ein Wunder, dass auch noch ein Publikum kommt, um ihn sich anzusehen», begrüsst Sally Potter das Publikum am Mittwoch im Kultkino Atelier in Basel. Zahlreich hat sich das Publikum zur Vorpremiere eingefunden, Ticket-Aktionen in Printmedien, aber auch in den Newslettern von Ron Orp und «Zeitnah» füllen die Sitzreihen mit Publikum.

Ihr Freude ob des Wunders verbirgt die Filmemacherin Sally Potter jedoch sehr geschickt; cool, calm and collected bleibt sie und lässt sich von Moderatorin Marcy Goldberg bis nach dem Film entschuldigen, da sie dringend einen Znacht brauche. Zuvor aber, nicht zum letzten Mal an diesem Abend, setzt es eine Handlungsanweisung ans Publikum: Wichtig sei es Sally Potter  vor allem, dass das Publikum während des Abspanns von «Ginger and Rosa», während dem ein Stück des Jazzpianisten Thelonius Monk läuft, sitzenbleibt. Sie habe die Musik sehr bewusst gewählt, darum gehöre der Song am Ende in seiner ganzen Länge dazu. Nachher erst werde sie Fragen des Publikums beantworten.

Potter mag Monk, schon wieder hat man etwas gelernt, denkt man andächtig, als das Licht ausgeht, auf der Leinwand ein Atompilz aufsteigt und Bilder aus dem vaporisierten Hiroshima gegengeschnitten werden. Dass die Musik die Autorin und Regisseurin Sally Potter fasziniert, verwundert nicht, denn Musik gehört nicht nur zum «Swinging London», in dem sie aufwuchs, sondern auch zu ihrer Biografie. Mit sechzehn sei sie von der Schule abgegangen, um Filme zu drehen. Dabei hat sie aber zuerst eine Ausbildung als Tänzerin und Choreografin gemacht. Kein Wunder, sind ihre ersten Werke eine Verbindung von Tanz und Film.

Als Künstlerin erwacht Sally Potter am Ende der Sechzigerjahre, da ist es selbstverständlich, dass sie zu mehreren Bands gehört, Songs schreibt und singt und etwas experimentelle Performance gehört wohl einfach auch dazu. Auf der Leinwand im Film «Ginger & Rose» sind wir im Jahr 1962. Ginger und Rosa sitzen auf einer Schaukel, sind als ungefähr 16-jährige Mädchen die besten Freundinnen und versuchen, irgendwie mit dem Erwachsenwerden klarzukommen. Sally Potter war im Jahr der Kubakrise, die vor allem Ginger beuteln wird, 13 Jahre alt.

Manchmal hat die Regisseurin auch gute Laune.

Manchmal hat die Regisseurin auch gute Laune. Mit Basel im Allgemeinen scheint sie nicht ganz warm geworden zu sein.

Im Gespräch nach dem Film sagt Sally Potter: «Es ist ein ärmeres London gewesen. Es war keine einfache Zeit.» In der Tat, für Ginger und für Rosa wird es schwierig, richtig schwierig – in den grossen wie den kleinen Dingen. Kunstvoll ist es im Film zu sehen, wie die beiden mit ihren neuen Bluejeans im kalten Wasser der Badewanne sitzen, damit sie eingehen und schön eng werden – Details wie diese sind liebevoll herausgearbeitet. Doch die vermeintliche sexuelle Befreiung im Geist der heraufziehenden swinging sixties wird für Rosa zum Versuch, nur ja ein Kind zu bekommen, um sich abzusichern. Aber irgendwie scheint im Film die Zeit zu erstarren, selbst dann, wenn «Tutti Frutti» aus der Jukebox plärrt. Die Regisseurin sieht das auf eine Frage aus dem Publikum hin denn auch streng:

„Für junge Frauen war es damals manchmal noch so, dass nur die Heirat mit einem Mann die Existenz sichern konnte.“

Dazu gibt es von Sally Potter eine komplizierte, profunde Erklärung des englischen Schulsystems – dieses kommt im Film in Nebensätzen vor. Die Schwierigkeiten junger Mädchen, die aufgrund einer Einteilung in die ’schlechteren‘ Schulklassen wenig Aussicht auf eine erfüllende Zukunft haben, dienen als Begründung, warum Rosa sich Gingers Vater angelt und gleich schwanger wird. Ihr öffnen sich schlicht zu wenige andere Alternativen.

Inhaltlich läge dabei der Widerspruch wohl gleich in der Familie: Rosas Mutter Anouschka – «Sie ist nicht verrückt, sie ist interessant» – ist alleinerziehend, und Rosa passt offensichtlich auf ihre jüngeren Schwestern auf, während Mutter Anouschka immer wieder zu ihr sagt: «Das würdest du nicht machen, wenn ein Mann da wäre.» Rosa leidet unter dem Fehlen des Vaters, darunter, dass er sie verlassen hat. Eine interessante Dialektik ist das, da sie alsbald dafür sorgt, dass Gingers Vater seine Familie ebenfalls verlässt.

Gleichzeitig werden Meetings gegen den Atomkrieg abgehalten, es wird Bertrand Russell zitiert, und, nur, damit die existenzielle Tiefe und Verworfenheit der Vaterfigur Roland nicht vergessen geht, folgen krude Zitate von Freud und es wird heimlich im Segelboot zu Klaviermusik geweint. Zum Weinen statt in den Keller aufs Meer – was für ein schönes Bild. Bei Gingers schwulem Onkel ist derweil als New Yorker Anarchistin Anette Bening zu Besuch (sie ist so revolutionär, dass sie sich mit Geschirrspülmittel die Haare wäscht, vermutlich, weil das auch geht und der Industrie nicht in den Kram passt). Auf Spaziergängen in einem Londoner Park fällt das Bonmot des Abends:

«Wir bauen soviele Parks, damit wir Engländer uns nicht auf die Nerven gehen.»

Aus dem Radio dringt derweil keine Musik, dafür immer wieder die Erinnerung an die atomare Bedrohung, akribische Aufzählungen: Eine russische Atombombe, so viele Millionen Tote, eine amerikanische Atombombe als Antwort, so und so viele Millionen Tote, wiederum eine russische Antwort, sogleich von den Amerikanern rückvergolten, und schon ist Westeuropa ausgelöscht. Die bleierne Lähmung der frühen Sechzigerjahre kommt in solchen Sequenzen beklemmend deutlich an den Tag.

Mit Geschirrspülmittel kann man auch die Haare waschen. Anette Bening in  Ginger and Rosa.

Mit Geschirrspülmittel kann man auch die Haare waschen. Anette Bening in Ginger and Rosa, kurz bevor die beiden von der Polizei getrennt und abgeführt werden.

Nach dem Abspann wird Sally Potter vom Publikum im Kultkino Atelier gefragt, ob sie eine Botschaft für die heutige Jugend habe im Angesicht der Bedrohung, die von Korea ausgehe. Ja, da hat die 64-jährige Regisseurin jetzt auch kein Rezept, also nein, aber sie habe an äussere und innere Explosionen gedacht, als sie den Film geschrieben habe. Insofern spiele ihr Film nicht unbedingt nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Jetztzeit. Und wie es explodiert in «Ginger & Rosa»; längst nicht nur Atombomben detonieren: Es kommt zu einem melodramatischen Showdown im Krankenhaus, nachdem Ginger Dinge in ihr Tagebuch geschrieben hat wie: «Das Leben geht weiter.» Oder: «Man kann nicht voraussehen, was geschieht.»

Es ist allen alles verziehen, man könnte beruhigt aufseufzen und nach Hause gehen. Aber da vorne steht ja noch, gekräftigt nun nach ihrem Znacht, Sally Potter und erklärt, wie das Grading (Farbkorrektur, Lichtbestimmung) des Films auf der chromatischen Skala erfolgte. Man bohrt sich verwundert in den Ohren. Hey, es ist Mittwochabend in Basel, etwa halb elf mittlerweile auch schon wieder, da ist das Trottoir in der Innenstadt schon so etwas von hochgerollt, und nicht einmal mehr bei McDonalds ist noch was los, aber die Farbskala weckt ihn dann doch noch, den Revolutionär. Überzufällig viele Smartphone-Bildschirme flammen auf in den Sitzreihen allenthalben.

«Ginger and Rosa» hat die Storyline einer «Gute Zeiten, schlechte Zeiten»-Folge, einfach mit Kuba-Krise aus dem Radio und mit Atombomben. Beste Teenie-Freundinnen machen erste Erfahrungen. Teenie-Freundin B verguckt sich in Vater von Teenie-Freundin A. Teenie-A-Mutter verlässt ihren Mann. Teenie Freundin A ist verzweifelt und zieht zum Vater. Teenie-Freundin B wird von Teenie-Vater A schwanger. Im Showdown werden die Karten auf den Tisch gelegt. Mutter verübt Selbstmordversuch. Vater A bereut und Tochter A verzeiht, aber erst, nachdem diese einen versöhnlichen Tagebucheintrag geschrieben und laut vorgelesen hat.

Aber das will uns Sally Potter ja nicht sagen! Da ist ja die chromatische Skala, in exegis, die Bedeutung, Ginger (Teenie A) hat passenderweise rote Haare, sie ist das revolutionäre Gewürz (Ingwer) und Rosa ist ja auch irgendwie rot und deutet auch auf Rosa Luxemburg hin. Dabei sind wir erst auf der Textebene, aber vielleicht hätte bereits der didaktische Titel eine Warnung sein können. Deutlich mehr Zeit als in die teilweise seichten Dialoge sind auf jeden Fall in die Farbgebung und Musik gegangen.

«Wenn ich schreibe, empfinde ich mit allen Figuren, es könnte kein gelungener Film werden, wenn ich mich nicht mit allen identifizieren könnte», erklärt Sally Potter, die ihre Filme immer selber schreibt und auch schon selbst geschnitten hat. Vielleicht hätte man es während des Gesprächs im Kultkino Atelier schon früher merken können. Da es bei einem Gespräch schwerfällig wird, wenn die Moderatorin auch noch übersetzen muss, lässt Potter den Saal darüber abstimmen – yup, wir sind ja in der Schweiz, ha, ha! – ob es eine Übersetzung braucht oder nicht. Und da ist sie vielleicht wieder, die echte Zeitmaschine, die Sechziger, Siebziger, die Zeit der Vollversammlungen, eine Zeit, in der man Mittwochabende in der WG verbringen konnte, um demokratisch über den Namen des Komposthaufens zu diskutieren.

Sicher, dieser Idealismus, dieser Glaube daran, dass auch der letzte Mist bedeutungsbefrachtet sein könnte, kommt auf didaktische Weise auch in Ginger and Rosa vor. Irgendwann sagt Teenie-Revolutionärin Ginger:

«Der Wortlaut ist wichtig, man sollte sich ganz genau ausdrücken …»

Genau, dazwischen wurden ja auch noch TS Eliot und Simone de Beauvoir zitiert. Und wer weiss, vielleicht war ja jeder Frame bedeutungsschwanger, jede Sequenz eine Anspielung, wer weiss, vielleicht hätte man den Film als eine Art Videofachklasse anschauen sollen, und nicht sosehr als Kreuz und Quer und Hin und Her von schwulen Onkeln, stagnierenden Selbstverwirklichungsplänen, Untreue, Zweit-Weltkriegs-Militärdienstverweigerern und Rockern. Aber immerhin mit Monk hat Sally Potter recht: Dieser Sound ist immer wieder eine Entdeckung wert.

Einige Gedanken zu “Videofachklasse mit Sally Potter

  1. Workaholic

    also doch keine zensur bei zeitnah? die meinungen zwischen den kritikern nds und ast gehen ja beträchtlich auseinander!

    mir gefällt der biss des texts von ast, während ich mir bei nds ein besseres bild vom film machen kann.

    ausgezeichnet, sehr super, weiter so!

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