gesichtet #88: Basels bekanntestes Lächeln – Hommage an eine Unporträtierbare

Von Michel Schultheiss

Die erste Begegnung mit ihr bleibt unvergessen. Vorher war sie mir bloss vom Hörensagen bekannt und ich hielt sie lange Zeit für ein Gerücht. Das änderte sich eines Tages schlagartig, als ich in Gedanken versunken durch die Gegend schlenderte und plötzlich jäh aufschreckte: Die Hände engelsgleich ausgestreckt, stumm und mit dem unverwechselbaren Lächeln stand sie vor mir. Sie schien aus dem Nichts aufzutauchen. Es war eine Feuertaufe, wie sie wohl ein mancher erlebte, wenn er ihr zum ersten Mal über den Weg lief. Über die Jahre hinweg erschien sie immer wieder – meistens dann, wenn ich es am wenigsten erwartete.

Grinsefrau

Es ist gerade die Aura des Mysteriösen, die ihrem unerwarteten Auftauchen einen besonderen Glanz verleiht (Foto: smi).

Vor über zwei Jahren war sie auf dieser Seite schon einmal ein Thema. Obschon der Beitrag nur wenige Zeilen umfasste und eigentlich mehr Fragen als Antworten zu bieten hatte, ist er einer der meisten angeklickten, geteilten und kommentierten Zeitnah-Beiträge. Der Grund ist einleuchtend: Es geht um einen Menschen, der nicht mehr aus Basel wegzudenken ist. Fast jeder kennt die Persönlichkeit, die in Gesprächen abwechselnd als «Grinsefrau» oder «Zahnfee» genannt wird. Dennoch weiss kaum jemand etwas über sie. Ihr plötzliches Erscheinen vermag zu irritieren und es bleibt etwas Unaufgelöstes im Raum stehen, wenn sie vorbeizieht.

Seit der besagten Begegnung mit ihr, ist der Schreibende sichtlich fasziniert von der geheimnisvollen Person. Eigentlich wäre eine Hommage an diese wichtige Person der Stadt vonnöten, die irgendwie geehrt werden müsste – doch sie ist und bleibt nicht porträtierbar. Vielleicht ist das aber auch richtig so, schliesslich macht gerade die Aura des Unfassbaren ihr Wesen aus; zudem geht ihr Hintergrund eigentlich auch niemanden etwas an. Statt Gerüchte über sie zu verbreiten oder sie der Lächerlichkeit preiszugeben, wie das leider auch schon getan wurde, müsste eine andere Annäherung gefunden werden, die ihr gerecht wird. Dabei tut sich zwangsläufig ein Zwiespalt auf: Ist es überhaupt vertretbar, über eine Person, die dazu keine Stellung nehmen kann, zu schreiben, wenn ihre Würde gehütet werden sollte? Stellt man einen Mensch, die sich durch seine Andersartigkeit auszeichnet, nicht etwa zur Schau, wenn man sich gerade darauf fokussiert? Dieses Problem bleibt auch bei dieser Hommage bestehen, selbst wenn ihr Gesicht auf den Fotos korrekterweise nicht zu sehen ist.

Dazu muss aber gesagt sein, dass ich die besagte Person mittlerweile «kenne»– so weit man sie kennenlernen kann. Sie wurde mir einmal vorgestellt, wobei ihr Name hier nicht verraten sei. Seither weiss ich, dass sie auch tatsächlich durch Gesten kommuniziert und manchmal sogar spricht. Greifbar bleibt sie dennoch kaum, was aber ihrer lokalen Bekanntheit keinen Abbruch tut – oder gerade deswegen vermag sie vielleicht so zu erstaunen. Immerhin hat irgendwie ein jeder in Basel eine Anekdote mit ihr auf Lager, ein Bericht über eine unerwartete Begegnung mit ihr. Manche haben Angst vor ihr, andere sind irritiert. Wiederum andere freuen sich über ihre Erscheinung.

Grinsefrau Baselworld

Bisweilen passt sie sich auch ihrer Umgebung – so etwa an der «Baselworld», wo ihr Lächeln den Gästen aus aller Welt geschenkt wird (Foto: smi).

Sie taucht hinter Restaurantvitrinen und Bibliotheksregalen auf, vor der Synagoge oder auch in Läden, Cafés und an der Uhren- und Schmuckmesse. An der Uni geniesst sie besonders grosse Bekanntheit. Man sagt, dass sie es besonders auf Jus-Vorlesungen abgesehen habe. Einst widmete sich ihr eine Gruppe des mittlerweile scheintoten Netzwerks studiVZ und auch im Fan-Forum des FC Basel war schon von ihr die Rede. Im Kollegiengebäude ist sie derart verwurzelt, dass sie es sogar unbeabsichtigt in die Zeitung schaffte: Auf einer Aufnahme mit der Cafeteria und ein paar plaudernden Studenten, die eigentlich als Symbolbild für Artikel zu unipolitischen Themen gedacht waren, rauscht sie ebenfalls im Hintergrund verschwommen vorbei, als hätte man es mit einem verwackelten Beweisfoto einer Geistersichtung zu tun.

Es gibt viele einzigartige Persönlichkeiten in Basel. Sie rufen die Monarchie aus, arbeiten als Geheimagenten für eine Frauenorganisation, verteilen in den Bars Obst, kleben Etiketten für Jesus oder tragen T-Shirts gegen ihn: Bei ihnen allen sind Anliegen und Ziele irgendwie greifbar. Anders bei ihr. Was die Mythenbehaftete anbelangt, können es in Basel vielleicht höchstens noch zwei Leute mit ihr aufnehmen: Zum einen «Tiger Lily», die auffallend geschminkte und solariumgebräunte Frau, welche bisweilen mit dem Velo angefahren kommt und dabei Monologe auf Französisch von sich gibt, zum anderen der bekannte von Brandarben gezeichnete «General», der bisweilen ebenfalls die Leute stutzig macht, wenn er murmelnd aus einer Gasse kommt. Wie bei diesen beiden gibt es auch über die «weisse Frau» jede Menge Geschichten. Welche davon nun wahr sind, soll hier nicht interessieren – schliesslich haben alle ein Anrecht, dass ihr Privatleben verborgen bleibt. Da sie sich aber öffentlichen Raum bewegen und mit ihrem Verhalten für Aufsehen sorgen, gehören sie jedenfalls zum Stadtbild. Es sind vielleicht die lokalsten Prominenten, da nur diejenigen sie kennen, die hier wohnen oder zumindest regelmässig in der Stadt weilen. Sie kommen ohne Klatschspalten und Internet aus – bei ihnen zählt das Unmittelbare: Ihr «Medium» ist die Strasse. Nur hier kann man sie antreffen.

2 Gedanken zu “gesichtet #88: Basels bekanntestes Lächeln – Hommage an eine Unporträtierbare

  1. Ricardo Flores Cuevas

    Artículo Genial. El autor es, sin duda alguna, un excelente cronista de Basilea.
    Me vino a la mente „El caballero de París“, todo un personaje en la vida de la ciudad de La Habana.

  2. Jean Liebchen

    Meine Kinder und ich haben uns darauf geeinigt, dass diese Frau, die wir „das Grinsi“ nennen, eigentlich genau so aussieht wie die kleine Hexe aus dem wunderbaren Kinderbuch von Ottfried Preussler, die ja ebenfalls eine sehr feundliche Figur ist. „Das Grinsi“ taucht wirklich überall in der Stadt ganz unverhofft auf, hat aber auch Gewohnheiten: Mittags so um 13 Uhr herum, wenn ich mit den Kindern beim Essen sitze, dann sehen wir sie vom Esstisch aus an unserem Haus vorbei in Richtung Innenstadt gehen. Ein, zwei Mal kam es uns so vor, als wäre sie kurze Zeit später wieder vorbei gegangen …und zwar wieder aus der gleichen Richtung kommend, wieder in Richtung Innenstadt gehend! Das gab ein grosses Hallo am Tisch! Meine Tochter, die einen Hang zum Theatralischen hat, rastete darauf hinalso ordentlich aus und „verzweifelt“ suchten wir Gründe für diese sonderbare Beobachtung. Seither spinnen wir immer weiter an der Geschichte um „das Grinsi“ und sind zum Schluss gekomme, dass es mehrere von ihrer Sorte gibt. Keine Zwillinge oder Drllinge, sondern Klone natürlich. Hunderte. Vielleicht ausserirdischen Ursprungs, vielleicht von einer geheimen Macht gesteuert… Da sie aber eben eine gute und liebe Hexe aus einem Kinderbuch ist, muss all das nicht unbedingt einer der gängigen Verschwörungstheorien entsprechen und die geheime Macht muss auch nicht böse sein. Es kann sich auch um einen sehr harmlosen Zauber handeln.

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