Kappadokischer Klassenkampf – Nuri Bilge Ceylans «Winter Sleep»

Intellektuelle im Gespräch. Klassengegensätze. Und die beschränkte Macht und unbeschränkte Ohnmacht des Menschen. Nuri Bilge Ceylans in Cannes ausgezeichneter neuer Film fasziniert mit starken Bildern und Dialogen.

Aydin ist ein Intellektueller. Er plant ein Buch über die Geschichte des türkischen Theaters. Doch nicht alle Menschen in seinem Dorf in Kappadokien können ähnlich ambitiöse Pläne verfolgen: der Imam und sein Bruder sind beide mausarm, leben in einem heruntergekommenen Haus, das Aydin, der mit seiner jungen Frau Nihâl ein ruhiges Leben geniesst, gehört. Hidayet muss unterdessen für Aydin die Drecksarbeit erledigen. Der ehemalige Schauspieler führt unterdessen mehr oder weniger feinsinnige Gespräche mit seiner geschiedenen Schwester Neclâ. Als aber der Neffe des Imams mit einem Stein Hidayets Auto trifft, wird die Ruhe empfindlich gestört…

Warm anziehen muss man sich für den neuen Film von Nuri Bilge Ceylan. (Bild: zVg)

Warm anziehen muss man sich für den neuen Film von Nuri Bilge Ceylan. (Bild: zVg)

Schon in früheren Filmen wie «Uzak» hat der türkische Filmemacher Nuri Bilge Ceylan die Leere  dargestellt, die einen Intellektuellen erfassen kann. Vielleicht noch nie hat er aber den Konflikt zwischen Klassen so stark herausgearbeitet wie bei seinem aktuellen, in Cannes ausgezeichneten Film «Winter Sleep». Der Intellektuelle schreibt an gegen Missstände, aber natürlich verändert sich nichts – nicht zuletzt, weil er als Hausbesitzer ja ganz andere Interessen (und Möglichkeiten) hat als der Imam und dessen verarmte Familie. Sein Bruder war gar im Gefängnis, und dessen Sohn ist es ja auch, der alles ins Rollen bringt. Auch die wohltätig gesinnte Frau Nihâl verändert natürlich nichts an den real existierenden Machtstrukturen; Aydin ist der Boss, Nihâl seine nicht berufstätige Frau, die nur vom Reichtum ihres Mannes lebt. «Winter Sleep» ist ein desillusionierender Film, und doch gibt es Hoffnung für Aydin – zumindest für Aydin, der aber auch nicht weiss, wie hoffnungslos die Lage ist. Hoffnungslos aber nicht für ihn, sondern eben hoffnungslos vor allem für den Imam und seine Angehörigen. Ein persönlicher Wandel ist durchaus möglich, aber die Welt an sich bleibt so wie sie ist. Vielleicht ist ein Grund dafür, dass Aydin gar nicht versteht, weshalb es seinen Mietern so schlecht geht. Vielleicht will er es aber auch ganz einfach nicht verstehen. Was ihn mehr interessiert ist auf jeden Fall die Geschichte des türkischen Theaters. Die Gesellschaft an sich, die Armut, die Gewalt – all das interessiert Aydin nicht. Wahrscheinlich wäre er wohl eben doch lieber kein Patron in der Provinz, sondern vielmehr ein mondäner Intellektueller in der Hauptstadt. Aber dafür ist er wohl zu sehr Einzelgänger, der ausser Frau und Schwester nur wenige Menschen an sich heran lassen will.

«Kis uykusu». Türkei/Frankreich/Deutschland 2014. Regie: Nuri Bilge Ceylan.  Mit Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag, Serhat Kiliç, Nejat Isler u.a. Deutschschweizer Kinostart: 27.11.2014.


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