gesichtet #30: Die «andere» Baselworld

Von Michel Schultheiss

Wenn High Heels, Nadelstreifenanzüge und Luxusuhren das Stadtbild prägen, wenn in den Trams ein babylonisches Sprachgewirr zu vernehmen ist und beim Messegelände vermehrt Polizisten und schicke Schlitten zu sehen sind, steht fest dass die Baselworld begonnen hat. Dieser Jahrgang dürfte besonders prunkvoll daherkommen: Der neue Messebau feiert nämlich Premiere und da die Hallen höher gebaut sind, haben die Aussteller bei den ohnehin schon gigantischen und opulenten Ständen noch einen Zacken zugelegt. Auch im neuen Lichthof geht es todschick zu und her: Die einen kommen ganz formell mit Schale und Köfferchen, andere eher dandyhaft mit bunten Schuhen, Halstüchern und Designer-Sonnenbrillen. Studentinnen glänzen während mehreren Tagen als Hostessen in adretter Aufmachung während Strassenkehrer die verbliebenen Hochglanzprospekte und Rückstände aus den Verpflegungspavillons wegräumen. Zwischendurch wird der eine oder andere Promi von einer Journalistenschar gejagt und erschöpfte Geschäftsmänner genehmigen sich eine Zigarre bei den säuberlich hergerichteten Blumenbeeten.

Stadtoriginal an der Baselworld

Ihre unerwartet Präsenz bildet einerseits einen Kontrast zur artifiziellen Welt, andererseits passt ihr feenhaftes Erscheinen gewissermassen in die unwirkliche Kulisse des Glanzes. (Foto: smi)

Dennoch bevölkern während diesen Tagen nicht nur die Reichen und Schönen das Messegelände. Immer wieder mischen sich Leute mit anderen Absichten unter die internationale Gästeschar. Gleich am Eröffnungstag machte die «Gesellschaft für bedrohte Völker» mit einer spektakulären Aktion auf sich aufmerksam. Mehrere Aktivisten liessen sich vom Parkhaus abseilen und rollten ein riesiges Transparent mit der Aufschrift «Stop Dirty Gold». Angesprochen wurden dabei Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden in Zusammenhang mit Goldminen in Peru und Kolumbien. Erstaunte Blicke einzelner Kittelträger zu den Abgeseilten waren die Folge. Die meisten von ihnen nahmen jedoch von der Aktion nicht gross Notiz – zu sehr stand wahrscheinlich der dichte Terminplan an der wichtigsten Messe der Uhren- und Schmuckbranche im Vordergrund.

Nicht nur Menschenrechtsaktivisten treffen auf die mondäne Kulisse. Nebst den geladenen Gästen, die vor wenigen Tagen die Eröffnung des neuen Messebaus mit dem Auftritt von Lana Del Rey besuchen dürfen, kreuzen auch einige «V.I.P.» der anderen Art an der Baselworld auf. Kürzlich war vom «anderen Basel» die Rede – ein Thema, das auf grosses Interesse stiess. Mehrere der dort erwähnten Persönlichkeiten sind ebenfalls Gäste an der Baselworld, auch wenn sie nicht auf den ersten Blick ins Kundenschema des extravaganten Anlasses passen.

So entpuppt sich auch die geheimnisvolle strahlende Frau, von der hier auch schon die Rede war, als begeisterte Baselworld-Besucherin. Mitten in der Glitzerwelt bleibt sie wie angewurzelt unter den hektischen Messebesuchern stehen und wirft ihnen ihr unverkennbares Lächeln zu. Dabei passt sie ihre Aufmachung an den Anlass an und auch sie deckt sich mit den Hochglanzprospekten der Uhrenmarken ein und versorgt sie in schicken Papiertaschen. Ihre unerwartet Präsenz bildet einerseits einen Kontrast zur artifiziellen Welt, andererseits passt ihr feenhaftes Erscheinen gewissermassen in die unwirkliche Kulisse des Glanzes. Während ihre Erscheinung normalerweise perplexe Reaktionen in der Stadt hervorruft, wird sie mitten im Baselworld-Rummel von den wenigsten wahrgenommen. Zu schnell eilen die Businessgäste an ihr vorbei, während sie wie ein Fels in den Fluten des geschäftigen Treibens verharrt. Dennoch erntet sie beim einen oder anderen Rolexträger etwas verwirrte Blicke.

Auch andere Persönlichkeiten nutzen die Gunst der Stunde, um ihre Botschaft an die Gäste aus aller Welt zu übermitteln. So war letztes Jahr auch der portugiesische König, welcher – eigentlich sehr passend zur luxuriösen Umgebung – seine Thronansprüche mit Flyern kundtat. Seine Forderungen wirken geradezu bescheiden im Vergleich mit der königlichen Kulisse, mit welcher die Uhren- und Schmuckbranche jeweils auffährt. Ebenso hat sich schon der berühmte Uni-Hörer mit der Augenklappe unter die Gästeschar gemischt und christliche Traktate verteilt. Eine weitere Persönlichkeit, die noch nicht so bekannt ist wie die anderen vorgestellten Stadtoriginale – versuchte vor zwei Jahren ebenfalls ihr Glück an der Messe: Der freundliche Mann aus Sri Lanka, welcher stets auf mit einem Messband und einer Fernbedienung in der Hand die Stadt erkundet, gesellte sich auf dem Messeplatz ebenfalls zur Besucher- und Aussteller-Schar. Lächelnd hantierte er mit einem Wirtschaftsmagazin herum. Wie sehr das Motto «Kleider machen Leute» bisweilen greift, wurde schlagartig klar: Es dauerte nicht lange, bis der Mann mit dem roten Regenmantel von zwei Polizisten kontrolliert und aufgefordert wurde, den Platz zu verlassen. Auch wenn seine langen Haare sich nicht grundlegend von der hippen Frisur des einen oder andere Messebesuchers unterschied, machten Kleidung und Gesten der Polizei vermutlich schnell deutlich, dass der Herr keine Geschäfte mit Luxusuhren abzuwickeln hatte.

So können an der Baselworld auch mal Welten aufeinanderprallen. Der sterile Raum der Messe kann sich nicht dagegen wehren, ein paar unerwartete Farbtupfer verpasst zu bekommen, wenn plötzlich Persönlichkeiten auftauchen, die aus der Reihe tanzen – wenn auch nicht in den Hallen selbst, so doch auf dem öffentlich zugänglichen Vorplatz und im Foyer. Als dissonante Töne im pompös orchestrierten Werk der Uhren- und Schmuckmesse betreten die genannten Personen das künstliche Universum unter der Käseglocke. Den Laden aufmischen vermögen sie allerdings nicht – trotz ihrer Andersartigkeit gehen sie oft im geschäftigen Treiben der Messe unter. Es ist also ein mehrmaliges Hinschauen gefragt, um auch die «andere Baselworld» sichten zu können.

 


%d Bloggern gefällt das: