DWVEBDMSBHBEBDS #10

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Entwürfe zu nichts. Der Lehrplan einer Schreibschule. Das Wesen der Kunst. Das Wesentliche. Düstere Arbeitsmarktprognosen. Ein Klappmesser.

Hans Bissegger ignoriert auch diesen Ausbruch, nicht ungeübt, wie öfters schon. So gelassen es geht, hantiert er mit Leolucas Aufsatzentwürfen, dieweil Leoluca sich langsam beruhigt. Was Hans Bissegger in den Papieren entdeckt, ist lauter durchgehende, klug differenzierende Prosa zum Thema «Was ist Mut», es ist die Mutfrage, von Leoluca erörtert anhand geeigneter Beispiele, konfrontiert mit gegenläufiger Evidenz, synthetisiert, summiert und subsummiert, wie es sich gehört, und das Ganze fein sauber aufgeteilt in Anfang, Mittelteil und Schluss, so sauber und adrett, dass ein dressierter Seehund in die Flossen klatschen würde.

«Und was ist das?», fragt Hans Bissegger.

«Der Entwurf meines Aufsatzes!», erwidert Leoluca.

Sein Vater erinnert sich an Leolucas ‚Aufsatz’ und schaut ihn verdattert an.

«Und seit wann schreibst du deine Aufsätze am PC!»

«Hast du das vergessen», enerviert sich Leoluca, «das hat doch Mama durchgesetzt, nachdem ich beim letzten Aufsatz Probleme bekam!»

Hans Bissegger erinnert sich, wie sein Sohn eines Tages nach Hause kam, einen zerknüllten Aufsatz in der Hand. Wie sich herausstellte, hatte Leoluca alle Ermahnungen der Lehrerin, von wegen, wenn er noch einmal mit einer solchen Saupranke schreibe, werde nur noch bewertet, was leserlich sei, in den Wind geschlagen. Noch mit dem wenigen, was von seinem Aufsatz entzifferbar war, brachte Leoluca es fertig, die Lehrerin bis aufs Blut zu provozieren. Es schneite eine 2.5. Leoluca hatte sich damit herausgewunden, dass es nicht seine Schuld sei, wenn noch immerzu Schönschrift gefordert würde, wo die 88er und Kugelschreiber, von Tatschscreen und Tastaturen abgesehen, längst grafologischen Tribut einfordern.     ‚Wenn die sich keine Mühe machen beim Lesen, warum sollte ich das tun beim Schreiben!!’, hatte Leoluca seinerzeit getobt. Bin Bim Bissegger-Xi hatte kühlen Kopf bewahrt und sich mit der fraglichen Lehrkraft in Verbindung gesetzt, mit Geschick erreicht, dass Leoluca beim nächsten Mal ein Laptop bekam.

«Warum schreibst du einen Entwurf», wundert sich Hans Bissegger, «wenn du das da abgibst?»

Da erwidert sein Sohn:

«Du glaubst doch nicht, dass ich einfach so nachsitzen durfte? Ohne Aufsicht?»

«Da hätten sie ja gleich die Feuerwehr bestellen können! Nach allem, was du mit der Schulküche angestellt hast!»

«Ha, ha, ha! Ich konnte doch nicht zwei Stunden lang vor einem Stapel weissem Papier herumhocken!»

«Hätte das nicht Mut gezeigt?»

«Nein! Dann hätten alle geschrien: Arbeitsverweigerung: Der angehende Autor Leoluca Gwerder verweigert die Arbeit. Vergiss nicht, ich stehe an der Schule des Schreibens unter Beobachtung!»

«Wie könnte ich das vergessen!», seufzt Hans Bissegger. Nach einer Pause fährt er fort: «Nur, damit ich das verstehe! Du hast also – zur Ablenkung – das hier geschrieben, dann aber das da abgegeben? Studien zu Nichts? Entwürfe zur Leere? Das ist der Weg des Handwerks! Du quälst dich mehr als eine Stunde mit einer solchen Menge von Entwürfen ab, Leoluca – und dann gibst du trotzdem einen Aufsatz ab, den du in eineinhalb Minuten aufs Papier geschmiert hast?»

«Ganz schön widerspruchsvoll, was?», freut sich Leoluca.

«Das verstehe ich nicht!»

«Ich pass mich doch nicht bis zur Unkenntlichkeit einem fremdgesetzten System von Erwartungen an, bis zur Uniformität, bis zur Unförmigkeit, Masken-, Gesichts-, Ecken-, Kanten- und Mackenlosigkeit!» – Hans schaut Leoluca zu lange beim dreister werden zu, um sich solche Sprüche gefallen zu lassen. Leoluca hat einen an der Schreibschule noch erstarkten Hang zur pompösen Formulierung, zum halb durchdachten Bild, dazu, seinen eigenen Worten auf den Leim zu kriechen: Noch dazu kopiert der Junge den grösseren Teil dessen, was man Charakterentwicklung nennen könnte, in die rhetorische Sphäre, verlegt sich auf Sprüche und Sentenzen, wo Gleichaltrige Ferienjobs haben, besoffen am Waldrand aufwachen, sich die Haxen beim Fussball brechen oder beim Ladendiebstahl erwischt werden. Kulisse, Kulisse, und hinter Kulissen Requisiten, Theaterdonner: und über all dem, als wäre es nicht genug, die Sache mit dem Rhachitiker Lalaudey. «Das geht mich einen Scheiss an, was die Lehrer für eine Note auf meinen Aufsatz schreiben! Was hat das mit mir zu tun? Was hat diese Schule mit mir zu tun? Warum müssen wir an dieser sogenannten Schreibschule auch andauernd Aufsätze schreiben! Ich meine, wir schreiben wirklich die ganze Zeit Aufsätze, Paps, keine erzählenden Formen. Von Gedichten raten sie uns sogar explizit ab, da schwer verkäuflich! Stattdessen lassen die uns andauernd Aufsätze schreiben – und warum!? Doch nur, damit wir Absolventen später ab und an einen Artikel platzieren können oder einen Bericht in einer Zeitung, uns einbildend, öffentliche Stimmen zu sein! Damit wir für unsere Arbeit auch einmal Geld sehen, Paps!»

«Die Schule kostet mich ein Vermögen. Wenn sie dir also das Leserbrief- und Artikelschreiben beibringen, kannst du nachher wenigstens das, Leoluca. Ich kann dein Genörgel nicht mehr ertragen. Sei doch froh, bringen sie dir das Schreiben geläufiger, relevanter Formen bei. Ich für mein Teil wäre froh gewesen, man hätte mir in der Schule das Kochen beigebracht! Wenn du aber auch noch deine letzten Förderer vor den Kopf stösst, darfst du dich nicht wundern, wenn es solche Noten setzt!»

«Was bringen die uns Hauswirtschaft bei, in einer Schule des hohen Schreibens, Paps! Stücke, Romane, Novellen schreiben will ich, nicht Bettdecken aufplustern, Fenster reinigen, kochen, waschen, schrubben, einkaufen: Was unterstehen die sich, uns all dies beizubringen? An einer Schreibschule? Schrecken die vor nichts zurück? Wissen die nicht, dass es das Loch im Bauch und der Saustall ringsum ist, der den Schriftsteller macht? Ich bitte dich, was soll der Scheiss – Hauswirtschaft! Buchhaltung! Aufsatzschreiben! Macht dich das nicht misstrauisch?»

«Du lenkst ab!», wendet Hans Bissegger ein. «Vom Faden ab kommst du: Ich wollte wissen, was es mit deinem Aufsatz auf sich hat sowie mit den Entwürfen, die du nicht abgegeben hast!»

«Ich bleibe dabei», sagt Leoluca, «um diesen nikotin- wie kaffeegeschwängerten Konspiranten eins vor den Latz zu knallen, musste, hörst du, musste ich ein Zeichen setzen. Auch den Umweg über diese Entwürfe musste ich machen. Weil die feinen Pädagogen doch sonst behauptet hätten, dass ich die Arbeit verweigere. Nicht einmal ich kann schliesslich zwei Stunden an einer Handvoll !!!, ???, — und *** herumdoktern!»

«Donnerwetter», lacht sein Vater, «Du passt dich an, um deine Pläne zu verbergen? Bravo, dann bist ja du der Kleinbürger, hörst du, Rebellchen? Du hattest wohl die Hosen voll?»

«Ich will es mal so sagen: Die finale Version meines Werkes, der Aufsatz in seiner aufs Wesentliche reduzierten Form, mag eine Augenblicksgeburt sein. Vergiss aber nicht, ich musste mir das Elaborat auch zu schlaftrunkener Zeit aus den Rippen leiern. Samstags, mitten in der Nacht! Beim Schreiben der Entwürfe wurde mir bewusst die Kluft zwischen meinem Geschreibsel und dem Aufsatzthema! Wenn ich den Aufsatz in der ersten Form abgegeben hätte, mir in die Augen schauen hätte ich nicht mehr können. Fünf Minuten vor Schluss hatte ich die rettende Idee. Ich nahm einen Stapel leeres Papier und habe das da geschrieben! Damit, so meine Hoffnung, würde sich wohl ein zumindest ein Achtungserfolg bei den versammelten Nudelköpfen generieren lassen. Aber, ach, man kennt ja das geistige Curriculum dieser Kaste. Wehe, wenn du da beim Aufsatzschreiben einmal ohne Verben, Nomen, Adjektive und den ganzen sprâchdreck auskommst, ohne die sakrosankten Reizwortverkettungen und das komplette Brimborium!»

Aufsatz_Leoluca_Neu

«Das ist unsäglich!», wendet Hans Bissegger ein.

«Es kann doch nicht sein, dass dieser Kleingeist von Deutschlehrerin, dieser Nudelkopf, diese Nichts-ohne-Wort-Dafür, dieses Garnichts, mein künstlerisches Unterfangen schmälert!»

«Aber du hast doch bloss ein Paar Satzzeichen aufs Papier gesprenkelt!», gibt Hans Bissegger zu bedenken. Leoluca schüttelt den Kopf.

«Samstagmorgen!», gellt Leoluca, «Null sieben vier fünf! Wie um Himmels willen soll einer da einen Aufsatz schreiben? Dafür gehe ich nicht an die Hohe Schule des Schreibens, Paps: damit die an meinem Biorhythmus herumfiguretelen! Setz’ Mozart ans Klavier und brich ihm alle Finger, nur beklag’ dich nicht über sein Geklimper! Sowieso verbitte ich mir die Einmischung in meine schriftstellerische Arbeit!»

«Du willst Schriftsteller werden? Fein. Dann sei es! Das ist meines Wissens keine geschützte Berufsbezeichnung. Fünfhundert Jahre Gutenberg beweisen es. Nur zu. Sei es. Komm schon. Jetzt. Sei es. Sei Schriftsteller, sei Autor, Leoluca. Nur, denk nach: Wäre es dazu nicht hilfreich, aus dem Aneinanderreihen von Worten, ihrer Verschaltung und Verschachtelung zu Sätzen, Absätzen, Kapiteln – Gedanken! – aus dem Schreiben! – deine liebste Gewohnheit zu machen? In Auslassungen zeigt sich ja doch nur ausgebliebenes Schreiben! Bist du etwa ein Schaffensromantiker, einer, der meint, nur den Blitzableiter ausfahren zu müssen, und schon würde Muse wie Musse grell zischend einschlagen? Vergiss nicht, Leoluca, wer Schiller damals den Blitzableiter geschenkt hat! Selbst mir, als Leser einiger Feuilletons und der darin affichierten Bücher, ist klar:

Handwerk kommt nicht vom Mundwerk, Liefern nicht vom Lafern, Kunst kommt nicht von Klugscheissen, hörst du? Kunst ist eigenständige Lösung einer nicht selbst gestellten Aufgabe!»

«Ach was, pfui, Paps, die Ehe von Mama und dir mag eine fremd gestellte Aufgabe sein: aber doch nicht mein Schreiben!» – eine unbequeme Regung bemächtigt sich Hans Bisseggers: «Kommerz! Kommerz! Ausverkauf!», schreit sein Sohn, «Verrat an den eigenen Wurzeln, nicht Kunst! Ein Werk auf das Seiende gründen? Pfui! Voyeurismus, Gaffertum. Allenfalls auf das Werdende liesse es sich bauen, ganz bestimmt aber nur lohnend ist es, für das Nie-Gewesene, das Inexistente, zu verbluten!»

«Ich frage mich», wendet Hans Bissegger ein, «ob man sich mit THC vergiften kann?»

«Kunst! Kunst! Kunst!», zetert Leoluca, die Augen gerollt, die Ferse in den Boden gerammt.

«Nein», korrigiert der Vater: «Aufsatz. Samstag. Zehnvoracht. Weil du geschwänzt hast!»

«Und ich sage dir, es ist Kunst, der Welt eins vor den Latz geknallt.»

«Deine Definition von Kunst ist mir zu schwammig», gibt der Vater zurück.

Leoluca schlägt ein Rad:

«Aber wie denn schwammig, was! Ihr habt sie ja nicht alle: hast du einen Schimmer, wie verdammt umtriebig so ein innerer Zensor und Erbsenzähler ist? Da muss man schon froh sein, wenn eine Idee einmal unversehrt den Weg vom Kopf aufs Papier findet. Ich muss mich, Tag für Tag, mit den Musen herumschlagen. Hast du eine Ahnung, wie verdammt sperenzchenhaft und eifersüchtig und unberechenbar und verwässernd diese verfluchten Musen sind? Nein, das hast du nicht. Woher denn auch, bei Äskulap, Botox, Silikon! Lass dir eins gesagt sein, Paps: Kunst lässt sich nie planen, hörst du, nie, und aufschreiben lässt sie sich auch nicht!»

So geht das eine geräumige Weile hin und her, immerzu geriert sich der Junge als inspiratorisch beschlagenes Licht, dieweil der Alte, notgedrungen, auf dem transpiratorischen Charakter der Kunst beharrt, eigentlich aber, man erinnert sich, ganz woanders hinaus will. Hans Bissegger reisst der Geduldsfaden.

«Du bist ein Trottel! Ich glaubs nicht. Dir noch den letzten Support zu verspielen. Aber lassen wir das. Es bringt ja doch nichts. Wie schaut es denn mit deiner Schnupperlehre aus?» – vom brutalen Themenwechsel auf dem falschen Fuss erwischt, rudert der Schreibschüler Leoluca mit den Armen, die Backen aufgeplustert. «Und die Vorbereitungen der Aufnahmeprüfungen?» – Leoluca helikoptert, schraubt, propellert; nichts als ein Zischen lässt er sich entlocken. «Weisst du eigentlich, was der Arbeitsmarkt aus Schulabbrechern macht?»

Leoluca reisst sich los.

«Abgebrochene Existenzen? Schlechte Menschen? Kassierer, CD-Verkäufer, Inventaristen, Gärtner, Fernsehköche, Tramfahrer? Gagschreiber? Spekulanten? Zweitwegmaturanden? Tellerwäscher? Was willst du denn schon wieder hören, Paps!»

«Du hättest doch bloss ein wenig pfleglich zur Aufsatzlehrerin sein müssen. Sich so viel Sympathien zu verspielen!»

«Darauf verzichte ich gerne, Beamtenwillkür, Lehrerzimmerdünkel, pädagogische Hoffart!» – Leoluca wischt sich ein inexistentes Stäubchen von der Schulter. «Was, wenn nicht Willkür, ist es, wenn eine 6 zur 1 herabgewertet wird? Bei gleicher Bewertungsgrundlage? Bin ich etwa Griechenland, sehe ich aus wie Griechenland, Paps, oder wie Italien, oder wie Goldman-Sachs? Hä? Willkür! Willkür! Standard & Poor’s! Das sind Ratingagenturen, keine Lehrer sind das, keine Diener an Volkswohl und Bildung!»

«Du lenkst noch immer ab! Unfasslich. Klartext: Warum hast du die Deutschlehrerin mit dem Klappmesser angegriffen!»

Leolucas Stimme schrillt.

«Lüge! Lüge! Das war kein Klappmesser! Hier!»

Leoluca drückt Bissegger ein Klappmesser in die Hand.

«Ein Klappmesser! Du kleiner Psychopath!»

«Klapps auf!»

Bissegger klappt das Klappmesser auf. Heraus kommt ein Kamm; es muss sich um einen Scherzartikel handeln.

«Siehst du? Kein Klappmesser! Ein Kamm, ein Kamm!»

«Und warum pflaumst du die Deutschlehrerin zusammen und bedrohst sie dann mit einem Kamm?»

«Bedrohen? Davon kann keine Rede sein! Wer bin ich denn! Im Leben nie würde ich jemanden damit bedrohen!»

«Dann lass das Messer nächstes Mal im Hosensack!»

«Messer??? Ich!!! Im Schulzimmer—??? Ich???!!!===/// Vielen Dank für dein Vertrauen, Paps!»

«Tatsache bleibt, du hast es getan!»

«Ja, aber was denn, das ist doch die Frage, was: Ihr die Frisur habe ich retten wollen, du Nudelkopf! Mehr nicht!!!»

«Mit den Sprüchen kommst du hier nicht raus!», versetzt Hans Bissegger. «Wir sprechen uns noch, Bürschchen!»

«Leck mich im Arsch, g’schwindi, g’schwindi!», versetzt Leoluca.

«So lange du mir mit deinem Schmalspur-Existenzialismus noch nicht meinen letzten Rappen verprasst hast, Leoluca, zahle ich doch lieber das Klopapier.» – und, in einem Anflug von Autorität, fügt Hans Bissegger hinzu: «Stubenarrest! Drei Wochen! Wehe, wenn du dir ohne meine Erlaubnis auch nur in der Nase bohrst!»

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