gesichtet #85: Saubis Auftritt im Glockenturm

Von Michel Schultheiss

Dass in die Basler Herbstmesse jeweils in der Martinskirche eingeläutet wird, weiss wohl jedes Kind. Jeweils am ersten Messetag ganze Scharen zum Kirchturm, um den verheissungsvollen Glockenschlägen zu lauschen. Einiges weniger bekannt ist jedoch, dass die «Mäss» auch ausgeläutet wird. Dies zeigt sich daran, dass nach zwei Wochen Rummel bis auf ein paar wenige Nasen kaum jemand vorbeikommt, um zuzuhören, wenn es nochmals während einer Viertelstunde bimmelt. Der Abschied von der «Mäss» ist somit eher eine Art eine Insider-Tradition. Mit den Glockenschlägen am letzten Messesamstag um Mittag verstummt das bunte Treiben auch noch nicht ganz, denn ihr stehen noch zwei Tage bevor, auf dem Petersplatz gar vier.

Saubi

Voll in seinem Element: Mundartdichter und Stadtunikat Gérard «Saubi» Saubermann beim Rezitieren seiner Gedichte im Turmzimmer der Martinskirche (Foto: smi).

Bei dieser Gelegenheit nähert sich auch ein wichtiger Moment für Gérard «Saubi» Saubermann. Der Mundartdichter und womöglich grösste Fan der Basler Herbstmesse hat dann jeweils einen Auftritt: Vor einer kleinen Gruppe von Kindern und deren Eltern, welche die steilen «Hühnerleitern» des Kirchsturms erklommen haben, liest er seine Mäss-Gedichte vor – bis es zwölf Uhr schlägt. «Wenn ich über die Messe gehe, sehe ich immer wieder das, was ich in den Büchern schreibe, durch Kinderaugen», meint er. Mehrere Gedichtbände, die er auch mit Fotos garniert hat, beschäftigen sich mit solchen nostalgischen Momenten in der Stadt. Zum melancholischen Abschiednehmen von den vielen Buden und Fahrgeschäften gibt er im Turmzimmer der Martinskirche Kostproben aus seinen Texten zum Besten.

Messeglöckner-Franz-Baur

Seit 25 Jahren dafür verantwortlich, dass die Herbstmesse gebührend begrüsst und auch wieder verabschiedet werden kann: Glöckner Franz Baur mit den obligaten schwarzen Handschuhen (Foto: smi).

Der Messeglöckner Franz Baur erhält anschliessend von der Freiwilligen Denkmalpflege erneut den obligatorischen schwarzen Handschuh, den er jeweils aus dem Fenster hält. Wohlgemerkt bekommt er diesmal aber nicht den linken, sondern den rechten Handschuh, um die Glocken zum Erklingen zu bringen. Wenn Saubi bei dieser Gelegenheit zu seinen Büchern greift und vor einer staunenden Kinderschar in Jahrmarkt-Nostalgie schwelgt, klingt das etwa so:

«Um’s Härz isch’s warm und d’Fiess sinn kalt

Wenn y my Mäss darf seh,

Wo soovyl Liecht in’s Lääbe fallt,

Doo gfallt’s mer all Johr meh.

 

Wie goldegääl hangt’s letschti Laub

Im schwarze, nasse Holz,

Und d’Sunne luegt in Buudestaub

Und d’Rytti drillt sich stolz.

Vielleicht gehört Saubi noch zur seltenen Gattung von Schreibern, die noch in der Tradition eines Blasius, Dominik Müller oder Theobald Baerwart die lokalen Bräuche in Mundart-Versen festhalten. Den meisten sind solche «baseldytschen» Gedichte wohl noch aus der Primarschule bekannt. Gerade die Tatsache, dass er noch einer der wenigen ist, die sich diesem Genre verbunden fühlen, macht seine wenig bekannten Texte wiederum speziell. Wie auch der kubanische Nischen-Poet Joaquín Rosell, welcher stets mit Büchern unter dem Arm durch den Asphaltdschungel von Mexiko-Stadt zieht, bleibt sich auch Saubi treu: Beide ziehen seit vielen Jahren ihr Ding durch, egal, ob’s den Leuten nun gefällt oder nicht. Mit den Oden an den Fundus der Traditionen, die sich in heimeliger Form in die Jahreszeiten einfügen, möchte er etwas zum Ausdruck bringen, das wohl nur Kinder so intensiv erleben können.

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Die Welt durch Kinderaugen sehen – der rote Faden in den Mundart-Versen von Saubi (Foto: smi).

Dabei muss bemerkt werden, dass Saubi keineswegs zur «Läckerli-Prominenz» gehört –es ist eher so, dass er im kleineren Rahmen innerhalb der Fasnachts-, Zirkus- und Schaustellerszene eine gewisse Bekanntheit geniesst. Mit seinen Mundart-Gedichten möchte er auch nicht etwa bei den Lokalpatrioten anbiedern: Obschon seine Gedichte meist einen Basel-Bezug haben, handelt es sich dennoch keineswegs um aufgesetzten Heimatkitsch. Wer nämlich Saubi kennt, weiss, dass es ihm mit dem Blick auf die kleinen Freuden des Alltags ernst ist. Er selbst bezeichnet sich daher als eine Art Romantiker. Mit kleinen Clownerien in der Zirkusmanege, «Fasnachtszeedel» und Gedichtvorträgen an der Mäss taucht er immer wieder kurz im Geschehen der traditionellen Stadtkultur auf. Seit Jahrzehnten ist er mit mehreren Schaustellern befreundet und stand auch schon selbst bei den Buden hinter der Theke. Das Jahr mit all seinen Fixpunkten, der Herbstmesse und anderen Bräuchen, auf die sich die Leute freuen können, sind schlicht und einfach sein grosses Thema. Wie auch der schwarze Handschuh darf auch er somit keineswegs fehlen, wenn Jahr für Jahr die «Mäss» gebührend verabschiedet wird.

Ausläuten-der-Herbstmesse

Auch die Kleinen dürfen anpacken, wenn’s die Hebstmesse auszuläuten gilt (Foto: smi).

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