gesichtet #51: Ein Poet der Strassen

Von Michel Schultheiss

Mit einem wallenden Mantel schlendert er fröhlich durch das hektische Treiben. Stets hat er ein paar Bücher aus dem Antiquariat dabei. Mit Tolstoi, Horaz und Rubén Darío unter dem Arm flaniert er vor dem Palacio de Bellas Artes, dem monumentalen Kulturhaus im Zentrum von Mexiko-Stadt. Längst kennt man ihn dort: «Hallo, mein Kubaner», begrüsst ihn ein Passant freundlich. Eine Schar Kinder in Schuluniformen möchte sich unbedingt mit ihm ablichten lassen.

Nicht nur in Basel gibt es Leute, welche unter dem Etikett «Stadtoriginale» bekannt sind. Auch in angeblich unüberschaubaren Millionenstädten wie Mexiko-Stadt gibt es Menschen, die nicht vom Strassenbild wegzudenken nicht. Natürlich kennt ihn in einer Metropolregion mit über 20 Millionen Einwohnern nicht jeder, doch zumindest im historischen Stadtzentrum fällt er auf.

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Stets mit Büchern aus dem Antiquariat und blumigen Sätzen unterwegs: Der Kubaner und Wahlmexikaner Joaquín Rosell (Foto: smi).

Joaquín Rosell kam 1956 im kubanischen Guantánamo zur Welt. «Ich bin kein Kubaner, ich bin in Kuba geboren» – auf diese Unterscheidung legt er wert. Längst ist nämlich die Millionenstadt zu seiner Wahlheimat geworden. Seit 15 Jahren lebt er schon im «Distrito Federal». Wie er erzählt, habe er keinen festen Wohnsitz – er lebe stets in Hotels. Wo genau möchte er aber nicht verraten: «Das Leben hat keinen Preis», bemerkt er im Stile eines Diogenes von Sinope, der sich nicht mit solch banalen Dingen beschäftigen will. Auf Fragen dieser Art antwortet der Diogenes jeweils mit einem blumigen Satz: «Ich lebe während 24 Stunden am Tag mit mir selbst» oder «Das Leben ist eine Verzauberung». Wie er sagt, lebt er vom Verkauf alter Bücher und dem Rezitieren von Gedichten. Mit vier Büchern pro Tag komme er über die Runden, wie er sagt.

Der Kubaner pflegt keinen Kontakt zu anderen Dichtern und schreibt nie etwas auf – seine Poesie läuft ausschliesslich über den mündlichen Kanal: Er rezitiert stets, manchmal improvisiert er auch. Allerdings widmet er sich – zumindest im Augenblick des Gesprächs mit dem Schreibenden – lieber der Meta-Poesie. Er spricht sehr gerne über sein Dichtertum: «Ich bin wohl der einzige Poet, der solcher geboren wurde – schon als Kind habe ich in der Schule vorgetragen», erzählt Rosell. Da habe er verstanden, dass er dafür bestimmt sei. Gerade Mexiko-Stadt sei die ideale Umgebung für ihn, trotz der Familie, die er in seiner alten Heimat haben soll. «Kuba ist zu klein für mich», meint er. Er interessiere sich mehr für sich selbst als für Kuba und stehe über politischen Fragen, meint er ganz offen.

Die hochgelegene Metropole mit ihrem dichten Strassenverkehr hat es dem Flaneur aus der Karibik angetan. Er bezeichnet sie liebevoll als «Stadt der Dichter». Sie dient ihm offensichtlich als Hort der Inspiration und inneren Ruhe: «Auch wenn es nicht so erscheint, geht es meinem Innenleben besser hier – trotz des Tumults ist es eigentlich eine friedliche Stadt», meint Rosell über seine Wahlheimat.

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