gesichtet #56: Ein Medizinmann aus Basel

Von Michel Schultheiss

Die Luft ist geschwängert vom Zimtduft der Räucherstäbchen. Italienische Barockmusik ist zu hören. Tropische Pflanzen, indianisches Kunsthandwerk und farbenkräftige Bilder des Künstlers Élon Brasil legen nahe, dass es sich hier um eine besondere Praxis handelt. Auch der Behandelnde ist eine Erscheinung für sich: Bekleidet mit einem Lendenschurz und Schneckenhäuser-Kette, welche typisch ist für die Männer bei den Xingu-Indianern, empfängt Axé Ouro seine Patienten an der Feierabendstrasse in Basel. Beat, ein langjähriger Freund und Kunde von ihm, erinnert sich, wie ein paar junge Leute einmal am Flughafen über den exotisch wirkenden Mann tu- schelten. «Das ist ein Indianer aus Solothurn, hab ich ihnen dann erklärt», meint er schmunzelnd.

Axé Ouro

Ein Xingu-Indianer aus dem Kanton Solothurn: Rolf Ernst Walther alias Axé Ouro (Foto: smi).

Axé Ouro, mit bürgerlichem Namen Rolf Ernst Walther, bezeichnet sich als Reinkarnation eines Xingu. Geboren wurde er 1947 im solothurnischen Langendorf. Die indigene Bevölkerung Amerikas faszinierte ihn schon immer. «Schon als Kind mochte ich die Indianer in den Westernfilmen», erklärt Walther. Zuerst arbeitete der gelernte Bahnpostbeamte als Nachwuchstrainer beim Schweizerischen Skiverband. Als 26-Jähriger machte er sich aber auf die Socken, um von Mexiko bis Chile seinen Bubentraum zu erfüllen und die Indianer aufzusuchen. Später reiste er auch nach Brasilien. Bei den Xingu, welche im Bundesstaat Mato Grosso leben, funkte es sofort. «Als Freund und Bruder wurde ich von ihnen zum Medizinmann ausgebildet», erzählt Walther. Ein Schlangenbiss war eine Art letzte Prüfung bei dieser Berufung. Axé Ouro hat vier Töchter von vier verschiedenen Frauen, welche weiterhin im Busch beim Rio Xingú, einem Nebenfluss des Amazonas, leben.

Seit 37 Jahren wendet der Therapeut seine dort erworbenen Fähigkeiten an. Er bezeichnet sich als Spezialisten für Schmerz im Allgemeinen: Leute mit Migräne, Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit kommen zu ihm. «Ich helfe den Patienten, ihre Selbstheilkräfte wieder zu aktivieren. Wenn Körper belastet sind, werden sie abgebaut», meint der Medizinmann aus Berufung. «Wir müssen lernen, die Energie auszugleichen.» Eine Abkehr vom Materiellen sei dabei vonnöten: «Alle verlangen das Glück von aussen, doch es ist nur in uns selbst», erklärt Axé Ouro. Für seine Behandlungen braucht er daher nicht viele Hilfsmittel: Lichttherapie-Lampen, Wasser, Salz und Magnetfelder sind seine Arbeitsinstrumente. «Am Anfang verstehst du nur Bahnhof, wenn er spricht, doch mit der Zeit musst du selbst aktiv bei der Heilung mitmachen», erklärt Patient Beat. Der Name des Medizinmanns, welcher sich aus dem brasilianischen Wort «Axé» für positive Energie und «Ouro» (Gold) zusammensetzt, verdeutlicht dieses Konzept: «Der Mensch muss sein Licht in sich bearbeiten, da ihn die Leistungsgesellschaft kaputt macht», erklärt Axé Ouro. Auch wenn seine Methoden schwer zu erklären sind, lebt der Medizinmann alles andere als zurückgezogen. Nicht selten ist er als geselliger Gast in den Kleinbasler Beizen unterwegs. «Ich gehe unter die Leute – nicht wie gewisse Gurus, die abgehoben sind», so Axé Ouro lachend.

Dieser Beitrag erschien am 10.12.2013 im «Baslerstab» (www.baslerstab.ch).

 

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