Ein Blick in die Weiten der Nacht: «Helvetia by Night» von Alessandro Della Bella

Von Michel Schultheiss

Wer beim Titel an jene Jux-Ansichtskarten denkt, welche an manchen Touristenorten zu finden sind, befindet sich auf dem Holzweg. Im Bildband «Helvetia by Night» herrscht nicht etwa die Finsternis, sondern eine nächtliche Licht- und Farbenpracht. Der Bündner Fotograf Alessandro Della Bella lotet mit seinen digitalen Spiegelreflexkameras die verschiedenen Facetten unter dem nächtlichen Himmel aus. Die funkelnde Milchstrasse, das Nebelmeer über dem Vierwaldstättersee und das Sternbild Orion mit Bergpanorama werden so in kräftigen Aufnahmen erlebbar. Spektakulär sind auch die Sternbahnen, etwa über dem Aletschgletscher, welche mit einer Belichtungszeit von 9705 Sekunden eingefangen wurden. Bewegung in der Natur wird auch sichtbar, wenn hin und wieder Blitze und Sternschnuppen in die Bilder hereinbrechen. Das Ende des Bildbandes steht im Zeichen der Dämmerung, so etwa beim Kessel des Creux du Van im Morgengrauen, welcher an eine düstere Tolkiensche Kulisse erinnert.

46°58'48.42"N  8°15'13.58"E

Die funkelnde Milchstrasse über dem Pilatus (Foto: Alessandro Della Bella).

Della Bella beschränkt sich jedoch nicht nur auf Naturlandschaften und Sternbilder: Die «Lichter der Grossstadt» sind ebenso vertreten. Zu den urbanen Motiven gehören etwa das Gewirr von Eisenbahngeleisen beim nächtlichen Zürcher Hauptbahnhofs, ein Blick auf Basel bei der Schleuse des Kraftwerks Birsfelden oder der Flughafen Kloten, bei welchem die Flugbahnen der abhebenden Maschinen mit einer Mehrfachbelichtung angedeutet werden. Die Bilder gehen zudem weit über die Alpen-Idylle hinaus, wenn etwa der Pilatus zusammen mit der Kühlturmwolke des Kernkraftwerks Gösgen abgelichtet wird.

46°24'41.29"N  8° 4'32.12"E

Dafür ist eine Belichtungszeit von 9705 Sekunden nötig: Sternbahnen um den Nordstern über dem Aletschgletscher (Foto: Alessandro Della Bella).

Wie man Stadtgewitter und Sternbahnen einfängt

Wie ist es aber möglich, in der Dunkelheit der Berge solche gestochen scharfe Bilder zu schiessen? «Die längeren Belichtungszeiten überwinden die Dunkelheit und machen die Kamera quasi zu einem Nachtsichtgerät», erklärt Alessandro Della Bella. Nebst einem guten Stativ spielen dabei noch andere Faktoren mit. So muss etwa für eine kräftig glitzernde Milchstrasse eine mondlose Nacht gewählt werden. Bei Phänomenen des Augenblicks, etwa bei Blitzen und Sternschnuppen, schiesst die aufgestellte Kamera ein Bild nach dem anderen. «Ich bin dann wie ein  Fischer, der die Angel auswirft und dann schaut, was er eingefangen hat», hält Della Bella fest.

47°23'58.78"N  8°30'56.43"E

Ein Sommergewitter über Zürich (Foto: Alessandro Della Bella).

Ein paar wenigen Bildern liegen Mehrfachbelichtungen zugrunde, so etwa beim imposanten Gewitter über Dübendorf und beim Flughafen. Die Langzeitbelichtungen für die Sternbahnen sind ebenfalls eine delikate Angelegenheit. Dafür muss mit tiefen ISO-Einstellungen vorgegangen werden und es muss sehr kalt sein. Das hat einen praktischen Grund: Unter Strom erhitzen sich die Sensoren, was ein Bildrauschen zur Folge hat. «Je kälter, desto weniger Rauschen», meint der Fotograf. Störende Lichtquellen, etwa die starken Scheinwerfer der Pistenfahrzeuge, welche die Zeitrafferaufnahmen erschweren, werden bisweilen bewusst integriert: «Wenn der Ratrac einen beschneiten Berg anleuchtet, kann dies auch als willkommene Farbe ins Bild aufgenommen werden», sagt Della Bella.

47°28'42.51"N  8°26'30.86"E

Mehrfachbelichtet: Der Flughafen Zürich (Foto: Alessandro Della Bella).

Ungewohnte Blickwinkel

Bei der Bildauswahl wurde darauf geachtet, solche Ansichten zu bevorzugen, die man so noch nicht kennt. Damit wollte der Fotograf vermeiden, dass bestens vertraute Motive zu viel Platz einnehmen. «Das Feuerwerk mit Eiger, Mönch und Jungfrau wäre ein beinahe schon kitschiges Postkartenmotiv geworden», sagt der Fotograf. Daher habe er bewusst eine ungewohnte Perspektive mit Blick auf Thun gewählt. Selbst das Kernkraftwerk Leibstadt in der Dämmerung hat am Schluss einen Platz im Buch gefunden.

Der Bildband ist aus einer Reihe von Kurzfilmen entstanden, welche wie in einem Daumenkino ganze Serien von nächtlichen Aufnahmen zeigen. Es handelt sich um ein privates Projekt von Alessandro Della Bella. Die Nachtfotografie war für ihn stets ein Ausgleich zum hektischen Alltag als Keystone-Fotograf. Inzwischen hat sich der Nachtschwärmer selbstständig gemacht. Nebst der Auftragsfotografie hat er das nächtliche Vorhaben weitergeführt und auf Anfrage des NZZ-Verlags in einem Bildband verewigen können. Auch in Zukunft möchte er daran arbeiten. Wie er sagt, fehlt noch so mancher unbekannte Fleck des Landes, den es auf eigene Faust zu erkunden gilt.

 

Della Bella, Alessandro: Helvetia by night. Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2013.

Die Kurzfilme und weitere Bilder sind auf der Seite helvetiabynight.com zu bewundern.

 

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