Requiem für Kabul

Nie haben die USA länger Krieg geführt als in Afghanistan. Dem Verbündeten England geht es nicht besser: Nur der hundertjährige Krieg hat länger gedauert. Das Debakel in Zentralasien hinterliess Afghanistan als ärmstes Land der Welt und die Nuklear-Nation Pakistan als Versteck für die Taliban. Die englische Times- Journalistin Christina Lamb beschreibt ihre Erfahrungen im Buch «Farewell Kabul».

Manche Geschichten beginnen unschuldig, von manchen Geschichten kommt man nicht mehr so leicht los. Nach der Uni arbeitet Christina Lamb in London als Finanzjournalistin. Als sie Benazir Bhutto interviewen darf, können weder die Politikerin aus Pakistan, noch die Reporterin aus London voraussehen, dass die Zukunft genauso wenig unschuldig sein wird, wie man es vermag von ihr loszukommen. Unschuldig allerdings ist die Einladung zur Hochzeit: Bhutto lädt die Reporterin ein. Damit beginnt für Lamb eine Faszination mit dem süd- und zentralasiatischen Raum und mit Pakistan und Afghanistan.

Im Juni 2006 sprechen englische Soldaten mit den Dorfältesten.

Im Juni 2006 sprechen englische Soldaten mit den Dorfältesten in Zumbelay.

«Farewell Kabul» erscheint ein halbes Leben später. Christina Lamb beschreibt es am Ende ihres Reportagenbuches so: ««Niemand, der in den Krieg geht, kehrt unverändert zurück. Zwei Kriege erlebte ich in Afghanistan, den ersten frisch von der Uni als letzten Showdown des kalten Krieges, den zweiten erlebte ich als frischgebackene Mutter und sah die Auswirkungen des elften September. Schliesslich ging ich als Frau mittleren Alters, die mehr als ihre neun Leben aufgebraucht hat, mit meinem Sohn mittlerweile ein Teenager, der in einer Welt aufwuchs, die viel unverständlicher, ungewisser war als diejenige, in der ich aufgewachsen war».

Afghanistan besteht zu drei Vierteln aus schwer zugänglichen Bergregionen. Rund 30 Millionen Menschen leben im Land, das an den Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tschadikistan, China und Pakistan grenzt. Ein erstes Mal erlangte Afghanistan die Unabhängigkeit von Englischen Kolonialisten 1919, ein zweites Mal warfen von Saudi Arabien und den USA finanzierte Mudschaheddin 1992 die Russen, die 1979 einmarschiert waren aus dem Land. Die offizielle Gründung der «Islamischen Republik Afghanistan bedeutete die Machtergreifung durch fundamentalistisch ausgerichtete Taliban-Milizen, die die Scharia mit aller Härte durchsetzten.

Mit dem 11. September 2001 änderte sich das Schicksal des Landes erneut. «At it’s core was a single sixty word sentence», schreibt Lamb. Gemeint sind die sechzig Worte im Beschluss des amerikanischen Kongresses zwei Tage nach den Anschlägen in New York dem Präsidenten ohne zeitliche, finanzielle oder örtliche Beschränkung zu erlauben Krieg zu führen. Das lässt sich George W. Bush nicht zwei Mal sagen. Die Bombardierung der Taliban Stellungen in Afghanistan begannen als Operation «Ultimate Justice» einen Monat nach dem 11. September. Zwei, drei Monate später sollten die Taliban besiegt und die Operation der Northern Alliance in «Enduring Freedom» umbenannt sein.

Nachdem Kabul am 13. November 2001 gefallen war, begann das amerikanische Militär eine weitere Operation, ebenfalls mit einem tollen Namen. «Operation Jawbreaker» war die Jagd nach Osama bin Laden benannt worden. Ein Kopfgeld von 25 Millionen, ein aus Videos und Fotos bekanntes Gesicht, es erschien nur eine Frage der Zeit, bis die US-Truppen den Al Kaida-Führer schnappen würden. Auslandskorrespondentin Christina Lamb unterdessen wegen ihrer kritischen Haltung aus Pakistan deportiert, aber auf ihrem Posten in Kabul schreibt, es habe Jahre gedauert, bis sie durchschaut habe, wie die USA Bin Laden hatten entwischen lassen können.

Immerhin hat der selbsternannte Scheich seit Jahren einen Stützpunkt im Tora Bora-Gebirge aufgebaut. Zunächst um die «Ungläubigen» aus Afghanistan zu vertreiben und dann als er sich enttäuscht nach Somalia zurückzog, bis er dort ausgewiesen wurde, kehrte er immer wieder in die Hochgebirgshöhlen zurück.

Im Kapitel «Losing Bin Laden» beschreibt die Journalistin nach einem Gespräch mit dem CIA-Agenten Gary Berntsen, der Bin Laden in Tora Bora durch Funksprüche gefunden hatte, wie ein eigentlich von den Amerikanern gewonnener Krieg zu einem endlosen Krieg. Tagelange Bombardierungen, eine 7500 Kilo Bombe, nichts hindert Bin Laden am Ende mit notabene noch immer 700 seiner Al Kaida-Kämpfern über die Grenze nach Pakistan zu entkommen.

Bin Laden selbst scheint am 13. Dezember 2001 damit gerechnet zu haben in Tora Bora zu sterben. Er schreibt ein Testament, in dem er seine Frauen auffordert nicht mehr neu heiraten und bedauert seinen Kindern gegenüber, dass er sich mehr um den Dschihad als um sie gekümmert habe. In den Staaten sind die Generäle abgelenkt: Statt sich darum zu kümmern den Krieg gegen den Terror in Afghanistan zu beenden, war der Generalstab von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schon angewiesen worden Pläne für einen Einmarsch in Irak zu schmieden.

Eine Untersuchung des amerikanischen Senats kam zum Schluss: «Das Unvermögen den Job zu beenden, bedeutete eine entgangene Gelegenheit, die unweigerlich den Konflikt in Afghanistan veränderte und dem internationalen Terrorismus eine Zukunft gab, damit wurde die Basis für weitere bewaffnete Aufstände gelegt, deren wiederholtes Aufflammen mittlerweile auch Pakistan gefährdet.»

Rechtzeitig zu Weihnachten drehte Osama Bin Laden ein weiteres Video, in dem er die Ungläubigen erneut warnte. Das Interview mit Warlord Haji Al Zahir, der Vögel mag, überrascht ebenso. Ganz offen spricht der Stammesführer davon, wie er einmal für die eine und ein andermal für die andere Seite gekämpft habe. Noch zehn Tage bevor er von den Amerikanern angeheuert worden sei, habe er mit dem Al Kaida-Führer bei seinem Checkpoint Tee getrunken. Viel Geld sei damals geflossen, viele Bomben gefallen, er sei überrascht gewesen, dass man Ende nur gerade dreissig Al Kaida-Kämpfer habe töten können und der Rest entkommen sei. Doch schlussendlich seien alle erstaunt gewesen, dass fast keine amerikanischen Truppen eingegriffen hätten.

14 Jahre lang werden englische und amerikanische Truppen in Afghanistan bleiben. Als Osama bin Laden in der Pakistanischen Stadt Abottobad von Marines erschossen wird, befinden sich 100’000 amerikanische Soldaten in Afghanistan, der Krieg wird dann pro Jahr zehn Milliarden Dollar gekostet haben. Für die Jagd nach einem Mann, der schon Mitte Dezember 2001 nach Pakistan entwischt war. Die Erschiessung Bin Ladens ist für Barack Obama Anlass die Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen. Er nimmt damit einem schon von Anfang an ziemlich machtlosen Präsidenten, die letzte Rückendeckung.

Lamb beschreibt, wie Karzai bei einer Konferenz in Bonn als Liebling des Westens zum Premier gemacht wird. Wie er immer mehr Kompromisse mit Warlords und auch islamistischen Kräften machen muss, bis er am Ende isoliert in seinem Palast in Kabul hockt, während sein Land weiter verarmt und die Warlords den Opiumanbau weiterhin gnadenlos vorantreiben.

Machtlos im Innern, machtlos gegen Aussen, am Ende findet ein desillusionierter Hamid Karzai gar einen Sündenbock im Westen und ist machtlos gegen das Wiedererstarken der Taliban.

In Pakistan waren 1988 zum ersten Mal freie Wahlen gewesen. Die Wahl Benazir Bhuttos als Premierministerin bedeutete, dass erstmals eine Frau in einem islamischen Land regierte und die Militärdiktatur abgelöst wurde. Mit unterirdischen Atomwaffentests Ende der 80er Jahre reagierte Pakistan auf Indiens Atombombe und bestätigte diffuse Ängste, dass das Land seit den 70ern über ein Atomwaffenprogramm verfügte. Bhutto unterdessen längst verheiratet, wurde vom Militär vertrieben, kehrte sie 2007 aus dem Exil in London zurück. Zehn Wochen später wurde sie Rawalpindi nach einer Wahlveranstaltung von einem Selbstmord-Attentäter umgebracht.

Die pakistanische Regierung unter Musharaf gab die Schuld praktischerweise den Taliban. Und verworren, wie es sich durch die ganze Geschichte hindurchzieht. Nie scheu, die Verantwortung für den Tod Ungläubiger zu übernehmen, dementierten sie diesmal prompt, ihre Stämme hätten nicht die Gewohnheit Frauen zu töten. So deprimierend dies klingt, so einleuchtend ist es. Frauen sind schlicht zu unrein, um im Dschihad zu kämpfen.

Als die Reporterin 2014 den Abzug der englischen Truppen aus Helmland begleitet und zum Abschied ein trauriges «Farewell» sagt, ist ihr Fazit, die Welt sei «ominöser», undurchschaubarer geworden. Als Leserin oder Leser ihres Buches teilt man diese Ansicht, der Top Terrorist wird nicht erwischt, alliierte Truppen besetzen vierzehn Jahre lang ein Land, in dem nur 20 Prozent der Bevölkerung in den Städten leben, das von kriegerischen Stämmen dominiert wird, die noch vom 14. Jahrhundert träumen. Im gleichen Krieg gegen den gleichen Terror sind die selben Alliierten im Irak einmarschiert, auf der Suche nach chemischen Waffen, die es nie gegeben hatte.

Christina Lamb hat die Bombenabwürfe von Drohnen in einem Dorf überlebt, den eingesperrten Präsidenten besucht, über die Anschläge in Mumbai berichtet und irgendwann gemerkt, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden kann. Im Gegenteil all die Konflikte scheinen die gegenteilige Wirkung zu haben: Es fällt der islamischen Welt leicht sich zu einen, während eigentlich nicht einmal unter den Führern der Taliban wirklich Einigkeit herrschen würde.

Die Reportagen von Christina Lamb beleuchten Aspekte des Alltags, sind politisch perfekt recherchiert. Und wer hätte es gedacht, obwohl weit weg, man vermisst Kabul als ehemalige Stadt der Gärten am Schluss wirklich. Und es macht einen fertig, dass Geld für Drohnen und Bomben genug da ist, für Schulen und Bücher aber nicht.

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