Zitat der Woche: Rainer Maria Rilke, Herbsttag

Das heutige Zitat der Woche lässt eine Jahreszeit Revue passieren und kündet die nächste an: Rainer Maria Rilkes «Herbsttag» passt zur momentanen Witterung zwischen Tageswärme und Abendkühle.

Kitschig und doch mehr: Rilkes «Herbsttag». zVg

Von Daniel Lüthi

Vielen ist er zu katholisch. Rainer Maria Rilke ist zweifelsohne einer der grössten deutschen Dichter des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, aber heutzutage liest er sich oftmals wie ein Raffael der Lyrik: Schön und formvollendet, doch auch ohne Ecken und Kanten, dafür voller Kitsch und religiöser Symbolik. Kein Vergleich zu beispielsweise Georg Trakl, dessen Gedichte wie die Malerei von Michelangelo oft faszinierend-groteske Züge trägt und den Symbolismus auf eine ironische Spitze treibt. Rilke, so könnte man meinen, ist Gebrauchslyrik, die in Schulen vorgelesen wird und niemandem wehtut.

Aber es wäre ungerecht, Rilke deswegen in das Reich der niedlichen Zierengel und gepflegten Melancholie zu verbannen. Bei genauem Hinlesen klaffen in seinen Gedichten durchaus Lücken auf, die keine Symbolik zu füllen vermag. Ähnlich wie Nietzsche benutzt Rilke religiöse Wendungen und Metaphern, die er immer wieder ironisch bricht. Der Übergang zwischen Sommer und Herbst wird in «Herbsttag» zu einer fast schon bürokratisierten Pflichtaufgabe Gottes, um den Wechsel der Jahreszeiten rechtzeitig einzuleiten. Gerade angesichts der derzeitigen Wetterzustände, wo es frei nach Charles Dickens in der Sonne noch Sommer und im Schatten bereits Herbst ist, passt Rilkes Gedicht gut zu den ersten Septembertagen.

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

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Einige Gedanken zu “Zitat der Woche: Rainer Maria Rilke, Herbsttag

  1. Doris Müller-Weith

    Lieber Daniel Lüthi,
    vor vielen Jahren dachte ich Rilke ist einfach ein Neurotiker….und hab ihn weggelegt.
    Dann fand ich ihn wieder, als ich selber schon sog spirituelle Erfahrungen gemacht hatte und siehe da: ich “verstand” oder begriff ihn plötzlich ganz anders….er hat EinBlicke in die Andereswelt und das macht ihn für mich sehr wertvoll und tief…danke fuer das Gedicht zum Herbst…

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