Ein anderes Chile – Patricio Guzmáns «El botón de nácar»

Nach «Nostalgia de la luz» setzt sich Patricio Guzmán in seinem neuen Dokumentarfilm ein weiteres Mal mit der Geschichte seiner Heimat auseinander. Diesmal steht der Süden des Landes im Zentrum: die Mythologie und Leidensgeschichte der Urbevölkerung Patagoniens.

http://www.cineman.ch/en/movie/2015/ElBotonDeNacar/trailer.html

Patagonien heisst so, weil die Europäer dachten, die Bevölkerung dieses noch unbekannten Landes hätten riesige Füsse oder Pfoten (patas – aus dem altniederfränkischen *patta), was den Namen des chilenischen Südens mit dem französischen Begriff Patois verbindet – Patagonier waren also in der europäischen Imagination Menschen mit Pfoten, die ungehobelte Dialekte sprechen. Vielleicht der bekannteste Patagonier ist Jemmy Button, der von Engländern in ihre kühlen Gefilde entführt wurde und der möglicherweise Namensvorbild von Michael Endes Jim Knopf ist. Guzmán sagt und zeigt in seinem Film viel über die Urbevölkerung des chilenischen Südens. Er fokussiert aber auch stark auf das Chile während Pinochets Diktatur, als Gegner des Regimes im Süden des Landes, im patagonischen Meer versenkt wurden. Kolonialismus und Diktatur werden so als zwei barbarische Seiten einer Münze – oder vielleicht eines Perlenknopfs (botón de  nácar) – dargestellt.

Patagonische Inspirationsquelle für Jules Verne und Michael Ende. (Bild: zVg)

Patagonische Inspirationsquelle für Jules Verne und Michael Ende. (Bild: zVg)

Guzmáns Film überzeugt dabei nicht zuletzt mit starken Bildern aus einer uns unbekannten Natur und gibt einen Einblick sowohl in die Welt der Indigenen Patagoniens wie auch in die jüngere Geschichte Chiles. Da Guzmán aber weder Theologe noch Linguist ist, wird dies wohl nicht alle Kinogänger überzeugen (etwa wenn er sich spanische Wörter von Indigenen on the spot übersetzen lässt) – muss es aber auch nicht. Guzmán hat dabei seinen Landsmann Jemmy Button, der eigentlich Orundellico hiess und mit einem Perlenknopf nach England gelockt wurde – bezeichnenderweise nicht etwa in den chilenischen Geschichtsbüchern, sondern bei Jules Verne (spanisch: Julio Verne) kennengelernt. Schon dies sagt mehr aus als viele traditionelle, weniger persönliche Dokumentarfilme in 90 Minuten vermitteln können. Mehr als sehenswert!

«El botón de nácar». Chile/Frankreich/Spanien 2015. Regie: Patricio Guzmán. Dokumentarfilm. Deutschschweizer Filmstart am 10. September 2015.

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