Das doppelte Risiko wagen – zu Dominik Riedos «Nur das Leben war dann anders»

Einblick ins Leben eines Pädophilen und seiner Familie mutet Dominik Riedo seinen Lesern in seinem neuen Werk zu. Sein Bericht überzeugt und wagt einiges. 

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«So wirkt Riedo der Dämonisierung und der Verharmlosung seines Vaters entgegen und lässt den Lesenden zwischen Schock, Erbarmen, Ekel, Mitleid, Schadenfreude, Vergeltungslust und Überforderung (dies auch in Hinblick auf die Bildung einer eigenen Meinung oder Einordnung des Gelesenen) changieren. Am Ende bleiben ein schaler Geschmack und Ratlosigkeit.»

von Andrea Gian Mordasini

Pädophile Sexualstraftäter werden heute auf allen Kanälen regelmässig an den Pranger gestellt. Seit Annahme der Verjährungsinitiative gehen die Wogen sogar noch höher. Schablonenartige Vorstellungen von «Pädophilen» werden herumgereicht, kolportiert und zementiert. Dass es sich trotz allem auch bei den Tätern um Menschen mit komplexen menschlichen Schicksalen handelt, geht in der öffentlichen Wahrnehmung allzu oft unter. Dies wird einem schlagartig bewusst, wenn man sich auf das neu erschienene Buch des Schweizer Schriftstellers Dominik Riedo einlässt. Schon der Titel «Nur das Leben war dann anders – Nekrolog auf meinen pädophilen Vater» lässt aufhorchen. Man kennt Berichte von Opfern, Tätern, die Forderungen von Opferorganisationen sowie distanzierte Expertisen zum Thema pädophile Sexualstraftäter – aber es ist höchst ungewohnt, zu lesen, dass jemand auf einem Buchumschlag seinen Vater als Pädophilen «outet». Was steckt wohl dahinter: Rechtfertigung, Verdammung, Opferbericht? Was hat ein Sohn dazu zu sagen? So fesselt Riedos Nekrolog von der ersten Seite an. Die Lesenden finden sich sofort mittendrin im Leben des pädosexuellen Vaters und seines Umfeldes wieder.

Brutale Ehrlichkeit fesselt

War auch ich durch die eingangs geschilderte Diskussion um die Verwahrungsinitiative vom Thema übersättigt, so horche ich beim Lesen schnell auf, denn es öffnet sich eine neue, spannende, herausfordernde Perspektive auf ein Thema, das sonst entweder tendenziell hysterisch und emotional (möglichst betroffen!) oder umgekehrt distanziert-nüchtern (wissenschaftlich-juristisch-philosophisch) betrachtet wird. Hier aber präsentiert sich ein neuer Blick, eine Seitenperspektive: Die Perspektive des Sohnes eines Pädophilen auf seinen Vater. Getragen von einer unaufgeregt sezierenden, die persönliche Betroffenheit weder verleugnenden noch hervorstreichenden Prosa. Jenseits abgedroschener Klischees lässt Riedo das Leben seines Vaters und seines Umfeldes für sich sprechen – dazu gehören in unverstellter Offenheit auch die Gedanken und Erfahrungen des Autors selbst. Das Buch fesselt durch brutale Ehrlichkeit, einen obsessiv ausgelebten «Wahrheitszwang» und ebensolchen Drang zur inneren Wechselrede des Schreibenden: Immer wieder fällt er sich selber ins Wort, wenn der Eindruck entstehen könnte, er beschönige oder verheimliche etwas. Diese Prosa ist kraftvoll, schrecklich, vielstimmig, multiperspektivisch, ungekünstelt, unaufgeregt (und doch hochdramatisch), schonungslos (gegenüber der Leserschaft, aber auch gegenüber dem Autor als «teilnehmendem Beobachter» selber). Unerschrocken wird an verschiedensten Tabus gerüttelt.
Neben naheliegenden thematischen Tabubrüchen (z.B. der nur schwer zu ertragenden Schilderungen sexueller Handlungen mit Knaben) gehört auch die Tatsache dazu, dass der Autor sich nicht hinter einem Pseudonym versteckt; mit seinem vollen Namen steht Riedo hinter den Schilderungen dieses so extrem persönlichen, normalerweise hinter verschlossenen Türen stattfindenden Geschehens und macht sich so als Sohn eines Täters identifizierbar. Dazu gehört in der heutigen aufgeheizten Stimmung eine grosse Portion Mut.

Nachlass-Gestaltung

Als Basis für die Schilderungen des Lebens des kürzlich verstorbenen Vaters dient dem Autor der umfangreiche Nachlass (Tagebücher, persönliche Notizen, Gerichtsakten, psychologische Gutachten etc.), den er minutiös ausgewertet hat und im Buch im Wortlaut zugänglich macht. Riedo gelingt es, zusammen mit dem Leser das Geschehene besser zu verstehen, ohne Unsicherheiten, argumentative Unschärfen, Paradoxien oder Überforderungen sowie die Unordnung in seinen Gefühlen (aber auch im Denken) zu kaschieren. Die Stärke des Buches liegt in diesem Ansatz einer subjektiven, verstehenden Annäherung an das Phänomen der Pädophilie; und seine Schwachpunkte liegen denn auch genau an den wenigen Stellen, an denen der Autor versucht, mehr zu liefern als das – nämlich objektive theoretische Erklärungsmodelle. Wenn Riedo die Metaebene, die maximal von seiner persönlichen Warte als Sohn eines Täters abstrahierende, die analytische-philosophische Argumentationswarte, einnimmt, überzeugt sein Bericht nicht – dieser Hut will nicht recht sitzen. Als Lesender war ich froh, dass der Autor ihn jeweils bald wieder ablegt.

Gegen Dämonsierung und einfache Antworten

Als Literat meistert Riedo sein heikles Thema mit Bravour. Trotz des Charakters eines Tatsachenberichts hat das Buch einen packenden Spannungsbogen und vermag es, den Leser durch die intensive Konfrontation mit einer ihm fremden Gefühlswelt auch seine eigene Gefühlswelt ein Stück weit als eine fremde, als eine noch zu explorierende wahrnehmen zu lassen. Nicht zuletzt sind es die gut passende und sich entwickelnde Sprache und die vielen kleinen (meist persönlichen), mit Sorgfalt ausgewählten Details (z.B. das wiederkehrende Katzenmotiv) die so gut funktionieren, dass bei allem Erschrecken, das explizite Passagen hervorrufen, immer wieder die menschliche Ebene durchschimmern kann. Wie schon in Riedos letztem Buch entwickelt sich die Sprache auch hier mit dem Fortschreiten der Geschichte, hin zu einem eine immer unmittelbarere Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglichenden Medium. Dass Riedo in seinen Büchern jeweils so konsequent auf die den jeweiligen Stoff optimal portierende Prosa hinarbeitet, dass er grosse Risiken wagt und Fallhöhen sucht und so vieles gegen den sprachlichen Einheitsbrei unternimmt, kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen. So wirkt Riedo der Dämonisierung und der Verharmlosung seines Vaters entgegen und lässt den Lesenden zwischen Schock, Erbarmen, Ekel, Mitleid, Schadenfreude, Vergeltungslust und Überforderung (dies auch in Hinblick auf die Bildung einer eigenen Meinung oder Einordnung des Gelesenen) changieren. Am Ende bleiben ein schaler Geschmack und Ratlosigkeit. Eine so ernsthafte und tiefgehende Beschäftigung mit dem Thema lässt offensichtlich keine einfachen Antworten zu. So muss auch der Autor als doppelter Experte (Betroffener und theoretischer Experte) am Ende einiges offenlassen.

Persönlich exponiert

Dominik Riedo ist ein doppeltes Risiko eingegangen: einerseits, weil er mit diesem Buch sich endgültig von seinem toten Vater zu lösen versucht. Aufgrund der besonderen Veranlagung des Vaters könnte in Riedos Fall der Vorwurf laut werden, eine so zutiefst private Handlung gehöre nicht öffentlich gemacht. Andererseits fährt der Autor auch Risiko, indem er sich in solch einer kaum je da gewesenen Tiefe auf das Thema einlässt und sich so angreif- und verletzbar macht. Mich schmerzt es, dass dieses Buch nicht im Vorfeld der Verwahrungsinitiative erschienen ist. Ich bin überzeugt, dass es viele Menschen bewegen wird – und zwar emotional und im Sinne einer Verschiebung ihres Denkens. Weg von plakativen Vorstellungen und boulevardesken Vereinfachungen. Hin zu argumentativer Vertiefung sowie zum Bewusstsein, dass durch das Etikettieren von Menschen persönliche Komplexitäten über Gebühr reduziert werden.

«Nur das Leben war dann anders. Nekrolog auf meinen pädophilen Vater»
Offizin Verlag, 2015
268 Seiten, 26 Franken
ISBN 978-3-906276-10-6

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