Schweizerische Mythengeschichte – Martin Stohler zu Thomas Maissens «Schweizer Heldengeschichten»

Auch nach den jüngsten Erfolgen der SVP hat Thomas Maissens neues Werk zur Instrumentalisierung der schweizerischen Mythen keinerlei Relevanz eingebüsst.

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«Welche heutige Gesellschaft, die sich als historisch gewachsen versteht, möchte bei der Planung ihrer Zukunft von Mythen abhängen statt von historischem Fachwissen?»

 

von Martin Stohler

Die SVP liebt es, ihre nationalegoistisch-reaktionäre Politik im Glorienschein einer mythischen Schweizergeschichte erstrahlen zu lassen. Das Phänomen ist bekannt, eine vertiefte Auseinandersetzung damit tut jedoch auch angesichts der jüngsten SVP-Erfolge not.

Mit seinem Buch «Schweizer Heldengeschichten» leistet der Historiker Thomas Maissen einen – wenn auch nicht völlig überzeugenden – Beitrag dazu.

Maissen nimmt in fünfzehn kurzen Kapiteln Stichworte der Einpauker Blocher, Maurer und Köppel auf und zeigt, was die moderne Geschichtswissenschaft dazu zu sagen hat. Dies ist immer lesenswert, wenn sich bisweilen die Akzente auch etwas anders setzen liessen. Insbesondere das Kapitelchen zur direkten Demokratie bedarf einer Vertiefung.

Rousseau und die Jakobiner

Die Schweizer Demokratie – die Volksherrschaft – wird von den SVP-Ideologen gerne auf die Urkantone und die Landsgemeinden zurückgeführt. Maissen macht deutlich, dass das historisch nicht haltbar ist. Maissen räumt zwar ein, dass sich die Verhältnisse in den alpinen Kantonen von denjenigen in den Stadtkantonen unterscheiden:

«Obwohl der gewöhnliche Landmann den Häuptern ehrfürchtig begegnete, waren die ständischen und sozialen Unterschiede viel weniger ausgeprägt als in Patrizierstädten wie Bern. Die Viehzucht als Existenzgrundlage war nicht nur vielen Alpenbewohnern gemeinsam, sie erforderte auch oft genossenschaftliches Wirtschaften und Absprachen etwa bei der Alpnutzung. Auch daraus entwickelte sich die politische Mitbestimmung der Vollbürger bei der Landsgemeinde.»

Maissen betont aber zu Recht deren Beschränktheit:

«Ausgeschlossen von dieser politischen Herrschaft blieben aber auch hier Hintersassen und Untertanen, von Frauen nicht zu reden. Zudem kontrollierten die führenden Familien das Abstimmungsverhalten – geheime Wahlen existierten nicht.»

Für Maissen kommt der entscheidende Impuls zur Schaffung der direkten Demokratie nicht aus der legendären «Urschweiz» von 1291, sondern von Rousseau und der Französischen Revolution beziehungsweise der jakobinischen Verfassung von 1793. Letzteren hätten die Vorkämpfer für die Schweizer Demokratie vor allem die Idee des Vetos, das unserem Referendum entspricht, entnommen.

Wenig Begeisterung für direkte Demokratie?

Maissen nennt im Weiteren einzelne Stationen des Kampfes um die direkte Demokratie im 19. und 20. Jahrhundert, ohne auf führende Exponenten wie Marquis de Condorcet, Friedrich Albert Lange, Karl Bürkli oder Theodor Curti und ihre Konzeptionen einzugehen. Damit vergibt er sich auch die Chance, die Modernität der direkten Demokratie und ihr Potenzial – im Unterschied zu plebiszitären SVP-Konzepten – deutlich zu machen. Dies mag nicht zuletzt dem Umstand geschuldet sein, dass sich die Begeisterung Maissens für die direkte Demokratie in Grenzen hält:

«Die direkte Demokratie war insofern von Anfang an ambivalent. Sie war ‚progressiv‘, indem sie dem Volk von gleichrangigen Bürgern bei der Gesetzgebung, also dem vornehmsten Souveränitätsrecht, das letzte Wort überliess. Zugleich war sie ‚konservativ‘, da sie sich negativ gegen den Veränderungswillen der Regierung richtete.»

Ich fürchte, hier schlägt Maissen den Sack und meint eigentlich den Esel. Davon abgesehen, erhalten die Leserinnen auf knappem Raum ein differenziertes Bild der Schweizergeschichte und der Schweizer Geschichtsschreibung, deren Grundlinien gar ein kleiner Essay gewidmet ist.

Was das Buch nicht macht

In Maissens Buch finden sich reichlich Belege dafür, dass die SVP nicht eine moderne, sondern eine mythische Geschichtsbetrachtung pflegt. Warum diese bei zahlreichen Eidgenossinnen und Eidgenossen verfängt, ist eine Frage, die Maissen leider kaum angeht. Es ist schade, dass Maissen darauf verzichtet hat, den Einsatz der jeweiligen «Heldengeschichte» in den aktuellen Auseinandersetzungen genauer zu lokalisieren und deren Funktion deutlich zu machen. Denn – und hier kann ich Maissen voll und ganz zustimmen – Märchen und Mythen «sind, da wandelbar, eine aufschlussreiche Quelle für das Verständnis derjenigen Zeiten, in der (sic) sie erzählt und genutzt werden. Sie sind aber, obwohl universal oder zumindest transnational, nicht eine tiefere oder höhere, zeitlose Wahrheit. Welche heutige Gesellschaft, die sich als historisch gewachsen versteht, möchte bei der Planung ihrer Zukunft von Mythen abhängen statt von historischem Fachwissen?»

Thomas Maissen
Schweizer Heldengeschichten und was dahintersteckt
Verlag Hier und Jetzt
Baden 2015.
234 Seiten, 29 Franken

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