Die Macht des Realen – Xavier Giannolis «Marguerite»

Der Regisseur von «Chanson d’amour» überzeugt mit einem weiteren Streifen, der in der Welt der Musik spielt – auch wenn es sich diesmal eher um eine Art Scheinwelt handelt.

Die Gräfin Marguerite Dumont (Catherine Frot) singt – und zwar so schlecht, dass selbst ihrem Ehemann Hören und Sehen vergeht. Trotzdem darf sie ihr Unvermögen an Benefiz-Galas zum Besten bzw. Schlechtesten geben – schliesslich ist sie selber eine gute Geldquelle. Als die zwei Avantgardisten Kyrill von Priest und Lucien Beaumont – als Party Crashers versteht sich – von Marguerites Grässlichkeiten Wind kriegen, laden sie sie an eine avantgardistische Kunstveranstaltung ein. Es kommt zum Skandal…

Musikalischer Terrorismus vom Allerfeinsten: Catherine Frot als Marguerite. (Bild: zVg)

Musikalischer Terrorismus vom Allerfeinsten: Catherine Frot als Marguerite. (Bild: zVg)

Xavier Giannolis Film ist ein spannendes und oft auch erschütterndes (vor allem in musikalischer Hinsicht) Erlebnis – ein Blick in eine Welt von Lug und Trug, eine Welt, die politisch mindestens so zerrissen war wie die heutige, in der die einen das Schräge zelebrieren, in der die anderen gute Miene zum bösen Spiel machen, solange ihre eigenen Interessen nicht tangiert werden. Eine Welt, in der Frauen notabene wenig bis nichts zu sagen haben und in der ihnen wenig bis nichts gesagt wird. Weder Von Priest noch Beaumont sagen der «Sängerin» die Wahrheit; weder ihr Ehemann noch ihr Gesangslehrer Atos Pezzini klären sie auf. Und natürlich ahnt Marguerite auch nichts von der Untreue ihres Gatten…

Giannolis Film ist zwar zweifellos konventionell gemacht, aber was er verhandelt, ist heute so aktuell wie damals. Wobei der Film ja im Gewand einer wahren Geschichte, im respekteinflössenden Habitus des Historienfilms daherkommt – in Wirklichkeit basiert der Film zwar schon auf der wahren Geschichte der US-amerikanischen Socialite Florence Foster Jenkins; aber eine wahre Geschichte erzählt der Film deshalb ja sicherlich nicht. Schon nur die Verlegung von den USA nach Frankreich ist ein fundamentaler Eingriff in eine wie auch immer geartete historische Wahrheit. Natürlich sagt jeder Film am meisten über die Entstehungszeit des Films selbst aus. Genderthematik, Aussenseiterfiguren, Postkoloniales usw. – das sind alles Themen unserer Zeit, die hier verhandelt werden, was allerdings keineswegs gegen diesen sehr interessanten Film spricht – im Gegenteil!

«Marguerite». F/CR/Belgien 2015. Regie: Xavier Giannoli. Mit Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau, Christa Théret, Denis Mpunga, Aubert Fenoy, Sylvain Drenaide u.a.  Deutschschweizer Kinostart am 29. Oktober 2015.

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