Gewissen der Nation – Steven Spielbergs «Bridge of Spies»

Steven Spielberg widmet sich ein weiteres Mal der Geschichtsaufarbeitung und überzeugt auch dieses Mal wieder mit Tom Hanks in der Hauptrolle und den Coen Brothers als Ko-Drehbuchautoren (zusammen mit Matt Charman). Eine Reise ins Herz des Kalten Krieges – based on a true story.

Donovan (Tom Hanks) ist Anwalt, spezialisiert auf Versicherungsfälle. Doch nachdem der russische Spion Abel (Mark Rylance) festgenommen wurde, wird er von Vorgesetzten und Behörden dazu gedrängt, diesen zu verteidigen. Selbst einem russischen Spion steht ein gerechtes Verfahren zu – davon ist gerade Donovan, der in Nürnberg bei der Anklage mitwirkte, überzeugt. Vielleicht etwas zu überzeugt für die meisten Landsleute – bald schon kriegt dies selbst seine Familie zu spüren. Doch nach der Festnahme eines US-Piloten durch die UdSSR weht wieder ein anderer Wind und Donovan wird in die DDR geschickt, um zu verhandeln…

Tom Hanks (rechts) als Donovan; Mark Rylance (Mitte) als Abel. (Bild: zVg)

Tom Hanks (rechts) als Donovan; Mark Rylance (Mitte) als Abel. (Bild: zVg)

Mit «Bridge of Spies» kehrt Spielberg nach «War Horse» und «Lincoln» ein weiteres Mal zur Geschichte als Thema zurück. Wie bei «Lincoln» ist auch hier klar, dass es um ein Thema geht, dass dem überzeugten Liberalen (bzw. aus hiesiger Sicht Linksliberalen) Spielberg besonders am Herzen liegt: es geht um die Freiheit der Menschen, die Freiheit, von einem unterdrückerischen Staat nicht willkürlich festgehalten zu werden. Und diese Freiheit gilt hier ganz klar – hier liegen Spielberg und seine Figur Donovan wohl nahe beieinander – eben auch für den Spion Abel. Dies ist in den Zeiten des Patriot Act und der Verhärtungen zwischen den Ost und West ein wichtiges Statement: auch wenn vielleicht andere Regierungen weniger Wert auf freiheitliche Werte legen, darf dies für die USA (und den Westen ganz allgemein) nicht heissen, dass auch sie diese Werte über Bord werfen dürfen.

Die Repression in den USA kommt zwar im Film, der auf einem Drehbuch von Matt Charman sowie Joel und Ethan Coen (sic!) basiert, nur in der ersten Hälfte vor; aber dass «Bridge of Spies» eben nicht einfach ein Schwarzweissbild entwirft, ist Spielberg hoch anzurechnen. Wie auch «Munich» wird wohl der Film – der auch auf wahren Begebenheiten basiert – von rechter Seite wohl nicht nur Zuspruch finden – interessant ist dabei auch, wie Donovan das Amerikanersein definiert: es geht darum, die Verfassung zu verinnerlichen. Wer gegen die Verfassung verstösst, ist deshalb auch ein schlechter Amerikaner. Nicht ethnische Wurzeln werden also beschworen, sondern Verfassungspatriotismus. Spielberg, der Märchenonkel der Nation (man denke an «E.T.»!), ist eben viel mehr als das: er ist auch das linksliberale Gewissen der Nation. Und natürlich ist der Film – ganz abgesehen von historischen und politischen Erwägungen – einfach spannend und sehr gut gemacht. Well done, Mister Spielberg!

«Bridge of Spies». USA/Indien/Deutschland 2015. Regie: Steven Spielberg. Mit Tom Hanks, Mark Rylance, Alan Alda, Eve Hewson, Amy Ryan, Billy Magnussen  u.a. Deutschschweizer Kinostart am 26. November 2015.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.