gesichtet #121: Das Andreasgässlein – ein geheimer Durchgang in der Altstadt

Von Michel Schultheiss

Bekanntlich gibt es in Basel bestimmte Gassen, die bloss Insidern bekannt sind. So ein Fall ist das bereits hier vorgestellte Gansgässlein. Immerhin ist dieser Weg aber amtlich benannt und zumindest durch ein Gitter vom Pfeffergässlein aus sichtbar. Es gibt aber eine noch besser versteckte Passage in Basel. Die einzige Möglichkeit, sie überhaupt zu sehen, besteht in der in der Holzofenbäckerei beim Andreasplatz – bei einer Abstellnische. Wo heute Kisten gestapelt werden, ist hinter einem Netz der Durchgang aus dem Mittelalter auszumachen.

Andreasgässlein 2

Das Andreasgässlein, einer der verborgenen Erschliessungswege mit mittelalterlichen Wurzeln (Foto: smi).

Wer sich beim nächsten Besuch in der Bäckerei gut achtet, kann somit ein kleines Altstadtgeheimnis entdecken: Das Gässlein führt am Café «Zum Roten Engel» vorbei, verschwindet dann im Haus und mündet durch eine Tür in die Schneidergasse. Zwischen den Hausnummern 12 und 14, also gleich neben der nächsten Bäckerei, führt es wieder hinaus. Betreten kann man den schmalen Gehweg nicht – die zugemauerte Gasse ist ein Privatdurchgang.

Nach Angaben des Archäologen Christoph Philipp Matt war der Weg während längerer Zeit namenlos. Um 1600 war es schliesslich unter dem Namen St. Andreasgässlein bekannt. Der Name geht auf die St. Andreaskapelle zurück, die einst dem Platz, der heute durch den Affenbrunnen bekannt ist, seinen Namen verlieh. Beim besagten Gässlein handelt sich dabei um einen parzelleninternen Erschliessungsweg. Solche wurden im Mittelalter bitter nötig, als die «Talstadt», wie die Gegend um die Schneidergasse von den Archäologen genannt wird, verdichtet wurde. Die Grundstücke zwischen dem Talhang konnten bis zu vierzig Meter hineinreichen. Daher waren solche «Hausgässlein» nötig, um die hinteren Gebäude am Hangfuss überhaupt zu erreichen.

Im Gegensatz zum Imbergässlein, dem bekannten Allmendweg gleich auf der anderen Seite des Platzes, handelt es sich um ein teilweise überbautes Stichgässlein. Einst erschloss die teilweise offene, teilweise überdachte Passage die Hinterhäuser, heute ist sie hinter dem Abstellraum der Bäckerei etwas in Vergessenheit geraten. Das Andreasgässlein führt zudem durch einen ehemaligen Wohnturm. Dessen Mauern bis ins vierte Geschoss erhalten. Christoph Philipp Matt schreibt, dass dieser Turm vermutlich von Leuten der städtischen Oberschicht gebaut und um etwa 1300 aufgeben wurde. Er wurde anschliessend in die jüngeren Bauten integriert. Von daher ist von diesem Turm nicht mehr viel zu sehen.

Schneidergasse Ausgang Andreasgässlein

Eine inoffizielle Hausnummer zwischen 12 und 14: Hier würde das Andreasgässlein in die Schneidergasse münden (Foto: smi).

Auch Christoph Goichon widmet in seinem 2015 erschienen und noch wenig bekannten Insider-Reiseführer «Verstecktes Basel» dem Andreasgässlein ein Kapitel. Er nennt dabei als Vergleich die «traboules», die gut versteckten Passagen in der Altstadt von Lyon. Diesen Schleichwegen fiel während des Seidenweberaufstandes und auch bei der Résistance während des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Rolle zu: Sie dienten als Unterschlupf und Fluchtmöglichkeiten.

Die Anzahl solcher Passagen ist in Basel wohl überschaubar. Nebst dem Andreas-, Gans- und Rappengässlein sind nicht viele erhalten. Doch wer weiss: Vielleicht gibt’s ja noch mehr solche «Geheimgänge», deren Existenz der Öffentlichkeit verborgen geblieben ist.

Einige Gedanken zu “gesichtet #121: Das Andreasgässlein – ein geheimer Durchgang in der Altstadt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.