Zitat der Woche: Maurice-Yves Sandoz, Das Labyrinth

Das heutige Zitat der Woche ruft den wohl einzigen Schweizer Autor von Schauerliteratur in Erinnerung: Maurice-Yves Sandoz’ «Das Labyrinth» führt LeserInnen auf zahllose falsche Fährten.

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Maurice-Yves Sandoz (1892–1958) vereinte Naturwissenschaft und Schauerroman.

Von Daniel Lüthi

Es gibt Namen, die fast automatisch gewisse Assoziationen auslösen. Gottlieb Daimler und Carl Benz etwa, oder Werner Siemens und Robert Bosch. Namen, die sinnbildlich stehen für Fortschritte in Technik und Forschung, heute eher für Industriekonzerne mit langjähriger Tradition. Auch in der Region Basel finden sich einige Namen, welche vielleicht nicht mehr allen bekannt sind, die aber immer noch zum öffentlichen Jargon gehören: Johann Rudolf Geigy-Merian und Fritz Hoffmann-La Roche zum Beispiel, oder auch das heute im Chemiekonzern Novartis verschmolzene Familienunternehmen Sandoz.

1886 gründete Edouard Sandoz zusammen mit Alfred Kern die Firma Kern & Sandoz und legte damit den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte: Als Pionier der synthetischen Farbherstellung stieg die Familie Sandoz um die Jahrhundertwende in die Riege der reichsten Basler auf. Maurice-Yves Sandoz wurde 1892 als zweiter Sohn von Edouard geboren und trat bald in die Fussstapfen des Vaters, doch eine Augenerkrankung beendete seine wissenschaftliche Karriere schon früh.

Naturwissenschaft und Grusel

Maurice-Yves Sandoz war jedoch auch musisch interessiert und durchaus begabt, und erweiterte sein künstlerisches Spektrum mit Reisen durch die ganze Welt. Dank dem Reichtum seiner Familie kam er so in Kontakt mit anderen Kulturen oder auch Berühmtheiten wie Salvador Dalí, während er Geschichten schrieb und diese in kleinen Verlagen veröffentlichte. Blieben die ersten Versuche noch eher unbeachtet, zeigte sich aber bald sein Talent, zwei eigentlich paradoxe Phänomene literarisch zu verknüpfen – Naturwissenschaft und Schauerroman.

Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist Sandoz’ 1941 erschienenes Buch «Das Labyrinth», das auf den ersten Blick eine Variante des klassischen englischen Schauerromans ist. Alle Komponenten sind vorhanden: Ein altes Schloss in Nordschottland, geheimnisvolle Geräusche in der Nacht, verschlossene Türen und zwielichtige Charaktere. Doch Sandoz stellt all dies in ein völlig neues Licht. Ohne zu viel verraten zu wollen, erscheint die Auflösung der Geheimnisse am Schluss des Romans so plausibel, dass alle anderen (übernatürlichen) Erklärungsversuche auf einen Schlag nichtig werden. Sandoz betrachtet das Genre Schauerroman aus einer fast schon wissenschaftlichen Perspektive, veranschaulicht in dieser Beschreibung der Schlossatmosphäre:

Das Schloss erschien vor mir in nordischer Klarheit; schwarz von Efeu, der den Wirrwarr der Architektur von Dächern, Mauern, Erkern, Türmen und Türmchen umschloss, zwischen hundertjährigen Bäumen und mit einer Gartenterrasse im alten Stil. Diese hatte noch die Anmut und die Fröhlichkeit der französischen Gärten, die ihr als Vorbild gedient hatten. Die Wasser der Springbrunnen spiegelten sich in den marmorenen Becken zwischen den regelmässigen Kreisen der Blumenbeete, die ihre warmen Herbstfarben ausbreiteten. In der Mitte zerrann ein Wasserstrahl in Lichttropfen. Im Norden Schottlands ist es Ende September am späten Abend noch hell im Freien.

Dennoch stellt sich immer wieder angenehmer Grusel ein. Der Erzähler schwankt zwischen analytischem Blickwinkel und Fassungslosigkeit, das Schloss entpuppt sich als Labyrinth mit doppeltem und dreifachem Boden, und am Ende jagen auch bei einer naturwissenschaftlichen Aufklärung kalte Schauer den Rücken hinunter. Maurice-Yves Sandoz vereinte seine Vergangenheit als Forscher und seine Leidenschaft als Autor zu Geschichten, die in der modernen Schauerliteratur bis heute kein Äquivalent gefunden haben.

Quelle: Maurice-Yves Sandoz, «Das Labyrinth» (Zürich: Morgarten-Verlag AG, 1941).

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