Zitat der Woche: Albert Camus, Les Justes

Nicht nur aus aktuellem Anlass zitieren wir heute aus Albert Camus’ Drama «Les Justes»: Die fiktive Verarbeitung des Terroristenangriffs auf Sergei Romanow von 1905 stellt die Frage nach dem Warum von Fanatismus.

1949 im Theater Herbertot in Paris uraufgeführt: «Les Justes» versucht, die Hintergründe eines geplanten Attentats aufzuklären. zVg

Von Daniel Lüthi

Es scheint sinnlos, über die gegenwärtigen Terrorangriffe und Amokläufe auf der ganzen Welt zu schreiben. Zu viele Faktoren spielen mit, als dass sich das ganze Geschehen objektiv oder ohne Emotion betrachten liesse. In Trauer und Hilflosigkeit mischen sich Wut und Unverständnis, egal ob es sich um den Terror in Nizza oder um die Schiessereien in den USA oder – nun auch – in Deutschland handelt. Mittlerweile sind wir so zynisch geworden, dass wir fast aufatmen, wenn für einmal kein terroristischer Hintergrund die Ursache eines Blutbads ist, sondern nur ein «normaler», einzeltäterischer Amoklauf stattgefunden hat.

Dennoch lässt dies die Brutalität und den Schock über die Geschehnisse kein bisschen begreiflicher erscheinen. Teil dieser Unfassbarkeit ist häufig das Gefühl, dass die Täter keine Menschen mehr sind, wie wir sie uns vorstellen – ihre Taten und Motivationen verwandeln sie in Angstbilder. Terrorismus bildet dann eine homogene Masse, bestehend aus fanatischen, von simplem Hass gesteuerten Akteuren. Für Menschlichkeit oder Reflexion über das verursachte Leid gibt es in solchem Extremismus keinen Platz mehr, nur entweder-oder, schwarz und weiss, wir gegen sie. Dass hiermit jeglicher Terror und Fanatismus gemeint sind, egal ob islamistisch, amerikanisch oder zentraleuropäisch motiviert, ist selbstredend. Doch die Wahrheit ist selten so einfach.

Guckt man sich die gegenwärtige Weltsituation an, so präsentiert sich vieles übertrieben, grell und zusammenhangslos. Ein Schriftsteller, der sich solcher Absurdität der Existenz verschrieben hat, war Albert Camus. Seine bekanntesten Werke, «Der Fremde», «Die Pest» und «Der Mythos des Sisyphos», befassen sich mit Sinn und Sinnlosigkeit, mit Resignation und dem Glück im Angesicht des Todes. Doch eines seiner weniger bekannten Stücke nähert sich dem Terrorismus der Gegenwart an und verleiht den Akteuren wieder ein Gesicht: Das Drama «Les Justes» («Die Gerechten»), 1949 in Paris uraufgeführt, spielt zur Zeit der russischen Sozialrevolution um 1900 und behandelt das Attentat auf Sergei Romanow von 1905. Vor der Tat beraten sich die Terroristen der Revolutionsgruppe und kommen darin auch auf die Frage nach dem Warum in ihrer Rolle als Revolutionäre zu sprechen:

KALIAYEV (se dominant) Tu ne me connais pas, frère. J’aime la vie. Je ne m’ennuie pas. Je suis entré dans la révolution parce que j’aime la vie.

STEPAN Je n’aime pas la vie, mais la justice qui est au-dessus de la vie.

KALIAYEV (avec un effort visible) Chacun sert la justice comme il peut. Il faut accepter que nous soyons différents. Il faut nous aimer, si nous le pouvons.

 

KALJAJEV (sich beherrschend) Du kennst mich nicht, Bruder. Ich liebe das Leben. Ich langweile mich nicht. Ich bin der Revolution beigetreten, weil ich das Leben liebe.

STEPAN Ich liebe nicht das Leben, sondern die Gerechtigkeit, welche sich hinter dem Leben verbirgt.

KALJAJEV (mit sichtlicher Anstrengung) Jeder dient der Gerechtigkeit, wie er kann. Wir müssen akzeptieren, dass wir verschieden sind. Wir müssen uns lieben, sofern wir es können.

 

(Übersetzung von Daniel Lüthi)

Es zeigt sich damals wie heute, dass Fanatismus und Extremismus trotz aller Schwarz-Weiss-Malerei nicht einfach als einheitliche Masse existieren. Hinter jeder Bewegung, egal wie schrecklich und unmenschlich ihre Taten sein können, verbergen sich schlussendlich immer noch Menschen. Dabei mag es sich um Menschen handeln, die versuchen, sich selbst so stark in die jeweilige Doktrin zu integrieren, dass ihre Menschlichkeit möglichst verloren geht. Bei Anschlägen und Tötungen mag diese Verblendung von Vorteil sein. Aber bei allen Anstrengungen, als Symbol, als Märtyrer oder als Retter in die Geschichte einzugehen, bleibt immer noch ein Individuum bestehen – es gibt stets Nuancen und verschiedene Motivationen unter verschiedenen Mitgliedern, und genauso wie die Opfer können auch die Täter ihr Werk niemals komplett objektiv und emotionslos betrachten.

Quelle: Albert Camus, «Les Justes» (Stuttgart: Éditions Klett, 1982).

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