Istanbul als Orhan Pamuks Polis: «Innocence of Memories» von Grant Gee

Der britische Regisseur legt eine starke Mischung aus Dokumentarfilm, Lesung und Doku-Fiktion vor, inspiriert von Orhan Pamuks Roman «Das Museum der Unschuld»

Kemal ist zwar verlobt, verliebt sich aber in seine arme Verwandte, die naive Füsun. Diese Geschichte erzählt Orham Pamuks Roman «Das Museum der Unschuld». Die Fiktion wiederum hat Pamuks reales Museum der Fiktion inspiriert. Beide kommen zum Zug in Grant Gees hybridem Doku-Spielfilm «Innocence of Memories». Der Roman spielt in den 1970er Jahren, in einer Türkei der Gegensätze, einer Türkei, deren Gegensätze gerade heute wieder schärferes Profil gewinnen, vielleicht schärfer denn je zuvor, da die moderne Türkei sich in einem Prozess des Zerfalls befindet.

Auch Persönliches und Politisches vermischt sich in Grant Gees Pamuk-Dokufiktion. (Bild: zVg)

Auch Persönliches und Politisches vermischt sich in Grant Gees Pamuk-Dokufiktion. (Bild: zVg)

So gewinnt Grant Gees Film eine Aktualität, die der Filmemacher so wohl nicht vorhersehen konnte. Die Spannung zwischen einer ländlichen und religiös geprägten Türkei und einer laizistischen städtischen Türkei war zwar schon immer evident. Erdogan hat es verstanden, die säkulare Türkei zu besiegen, indem er sich zuerst mit dem Prediger Gülen verbündet hat – und ihn nun selber abserviert. Gülens Glück ist, dass er sich schon 1999 in die USA abgesetzt hat.

Ob es in Erdogans neuer Türkei noch Platz hat für Pamuk und seine Fiktionen und seine fortschrittlichere Vision der Türkei? Es ist sehr zu bezweifeln… zwar wird in der Türkei der Zukunft das Museum ebenfalls auf die Fiktion fokussieren: diejenige des unbesiegbaren Osmanen Erdogan. Wie lieblich, wie naiv erscheinen da die persönlichen Fiktionen, die Pamuk in Roman, Museum und Film präsentiert. Gees Film zeigt nicht zuletzt die Brüche in der städtischen Türkei selbst, und es sind vielleicht diese Brüche, die Atatürks Türkei von Anfang an zum Scheitern verurteilt hat. Nicht zuletzt haben die Kemalisten ihre eigene säkulare Vision selber demontiert, indem sie den sunnitischen Islam gefördert haben.

Trotzdem ist «Innocence of Memories» kein deprimierender Film – anders als die Vorgänge in der heutigen Türkei. Orhan Pamuk hat übrigens das Drehbuch zu «Innocence or Memories» zusammen mit Grant Gee geschrieben. Es ist dabei bezeichnend, dass der Film in englischer Sprache gedreht wurde; in der Türkei sind solche Projekte wohl nicht zu realisieren – heute natürlich weniger denn je. Auf der Homepage des Verleihers wird Gees Film zwar als türkische Produktion deklariert. Dies scheint aber mehr «wishful thinking» zu sein… «Innocence of Memories» ist nur dann ein türkischer Film, wenn «Persepolis» ein iranischer Film ist… Immerhin: auf dem Flyer wird der Film dann zur britisch-türkischen Koproduktion, was vielleicht näher bei der Realität ist. Gedreht wurde ja in Istanbul. Letztlich legt aber Gee, der bisher vor allem als Regisseur von Videoclips und Musikdokumentarfilmen (Joy Division, Radiohead)  in Erscheinung getreten ist, hier vor allem einen echt europäischen Film vor, präsentiert vom British Film Institute und dem Irish Film Board und unter anderem von Arte France koproduziert. Gerade so wie Orhan Pamuk sicher auch ein europäischer Autor ist: die künstliche Trennung von Europa und Asien wird zwar von Politikern hüben wie drüben immer wieder betont, was aber wenig mit der Kultur gerade der gebildeteren Schichten zu tun hat.

 «Innocence of Memories». UK 2015. Regie: Grant Gee. Mit Pandora Colin, Mehmet Ergen u.a. Deutschschweizer Kinostart am 11. August 2016.

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