Zitat der Woche: Joel und Ethan Coen, No Country for Old Men

Die Filme der Coen-Brüder stehen für häufig blutige, doch stets tiefgründige Unterhaltung: Im heutigen Zitat der Woche wird eine Szene aus «No Country for Old Men» hervorgehoben.

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Ein Western mit müdem Helden und abstrahiertem Bösewicht: «No Country for Old Men» stellt Gerechtigkeit dem Zufall gegenüber. zVg

Von Daniel Lüthi

Anton Chigurh ist eine der faszinierendsten Romanfiguren des letzten Jahrzehnts. Auftragskiller, Psychopath, Personifizierung des Schicksals oder des Zufalls, das unbewusste Fremde in uns allen… der Charakter aus der Feder des amerikanischen Schriftstellers Cormac McCarthy lässt sich beschreiben, aber kaum erfassen. Ähnlich wortkarg und kraftvoll wie die Prosa des Autors bleibt Chigurh unnahbar, abstrakt, und gerade deshalb so interessant.

McCarthys Buch «No Country for Old Men», 2005 erschienen, ist im Grunde wie ein Spätwestern aufgebaut: Die Handlung ist von Melancholie geprägt, trotz der Brutalität und der Schiessereien strahlt der Roman eher Ruhe als Hektik aus. Der Held, Ed Tom Bell, ist ein alter Sheriff, dessen Versuche, die Morde aufzuklären und für Gerechtigkeit zu sorgen, schlussendlich scheitern. Tommy Lee Jones verkörpert diese Figur in der Verfilmung von Joel und Ethan Coen aus dem Jahr 2007 brillant; Traurigkeit und Resignation haben in seinem Gesicht tiefe Furchen hinterlassen. Recht und Ordnung sind müde – der Titel des Buches lässt sich durchaus so lesen.

Dieser Erzählfigur steht als glattes Gegenteil Anton Chigurh (von einem oscar-prämierten Javier Bardem gespielt) gegenüber. Ein Bösewicht ohne Moral, ohne Skrupel, gewissermassen gar ohne Persönlichkeit. Der perfekte Assassine. Doch es steckt mehr hinter dieser Fassade. Seine Herangehensweise ist so philosophisch wie zufallsbedingt, denn Chigurh ist nicht unmoralisch, sondern amoralisch: er mordet nicht aus Mordlust, sondern aus Fügung und der simplen Tatsache, dass seine Wege sich mit anderen Menschen kreuzen. Chigurh läuft nie Amok, begeht keine Massenmorde, vergibt sogar Chancen, zu entkommen. Seine Waffe hierfür ist eine Münze, anhand derer er über Leben und Tod entscheidet. Kopf oder Zahl. Die folgende Szene ist ein in sich geschlossenes Minidrama im eigentlichen Film:

Innerhalb weniger Minuten entscheidet sich ein ganzes Leben, beide Akteure, potenzieller Mörder und potenzielles Opfer, haben keinen Einfluss auf das Ende. Chigurh als Agent des Zufalls entschlüpft daher den Händen des Sheriffs stets wieder, da Gerechtigkeit keine Macht über unvorhersehbare Ereignisse hat. Wie in weiteren Filmen der Coen-Brüder löst sich die Haupthandlung immer stärker auf, bis die Figuren am Schluss die Bühne beziehungsweise das Set verlassen, ohne dass alles zu einem guten oder schlechten Ende gekommen ist. Was bleibt, sind Szenen wie diese.

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