gesichtet #140: Attila, Reggae und scheintote Läden. Eindrücke von der Kleinhüningerstrasse

Von Michel Schultheiss

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Kunterbunt und immer beladen: Die Brockenstube M. Delgado ist wohl eines der auffälligsten Geschäfte an der Kleinhüningerstrasse (Foto: smi).

Wenn wir die Vermögensverteilung, Sozialhilfebezüger- und Millionärsdichte in Basel nach Quartier als Kriterium nehmen, so befindet sich der Ort des heutigen «gesichtet» gleich am anderen Ende von der letzten Ausgabe: Vom Bruderholz geht’s nun ins Klybeck.

Die wichtigste Laden- und Beizenachse dieses Quartiers fällt in vielerlei Hinsichten auf. Parallelen mit der Hammer-, Elsässer- und mit der Klybeck- und Feldbergstrasse (wenn auch nicht mehr so stark wie früher) sind unübersehbar. Irgendwie konnte sich die Kleinhüningerstrasse weitgehend der Aufwertung entziehen und so bleibt vieles im Bewährten. Wobei hier eben der alte Quartierstil selbst unberechenbar bleibt: So manches Geschäft ist ein Kinderüberraschungsei. Erstens ist oft nicht klar, was eigentlich sein Inhalt ist. Zweitens kann man sich nie sicher sein, ob dieses Innenleben auch noch nächsten Monat zu finden sein wird.

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Wie keine anderes Unternehmen hat es Lycamobile in letzter Zeit geschafft, die Strassen so mancher Städte mit diesen blauen Transparenten zuzupflastern (Foto: smi).

Es ist die Strasse der Lokale, die schlichte Namen wie «Mix Bar» und «On Air» tragen. Es reihen sich Kebab-Imbissrestaurants, Quartierläden, Coiffeursalons, von denen es einer dieses Jahr in die Schlagzeilen schaffte. Es ist die Strasse der portugiesischen Brockenstube M. Delgado, die beim Wohnblock auf der Höhe Inselstrasse befindet. Sie ist vielleicht die konsequenteste ihrer Art in Basel: Wie kaum sonst sind so viele Dinge hier aufeinandergestapelt. Das Unmögliche wird hier gemeistert, nämlich allerlei sperrige Möbel, Gläser und Dekorationsfiguren in einem kleinen Raum unterzubringen.

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Stilleben mit Kraftfutter: Manche Internet-Cafés sehen wie Gemischtwarenläden aus (Foto: smi).

Es ist die Strasse mancher Beizen, von denen man nicht so genau weiss, ob sie nun geöffnet, am Ende, oder nur im Umbau sind, ob sie öffentlich oder für eine geschlossene Gesellschaft bestimmt sind. So stellen sich bei einem Gang durch Kleinhüningerstrasse so manche Fragen: Was geschieht mit dem Restaurant Inselhof, das seit einer halben Ewigkeit umgekrempelt wird? Was soll das Internet-Café, das in seinen Schaufensterauslagen Ankerbier und Kübel mit Proteinnahrung feilbietet? Ein anderes Mysterium sind wohl die Lycamobile-Läden die sich die Schaufensterauslagen gleich ganz schenken können: Der Telefonanbieter prägt nicht nur in Basel mit seinen alles überdeckenden blauen Plakaten ganze Strassenzeilen.

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Immer wieder für Rätsel sorgt auch das Lokal gleich nach der Einmündung der Klybeckstrasse: Das Café Maxim, früher auch als Café Istanbul bekannt, macht immer wieder von sich reden– so etwa nach einem Brandanschlag im Jahr 2012 oder auch kürzlich wieder im Zusammenhang mit einem Jungpolitiker, dessen Wahlplakate im Klybeck sehr präsent sind.

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Die portugiesische Community ist auch mit der Gastronomie präsent – so etwa mit diesem etwas versteckten Restaurant an einer Seitenstrasse (Foto: smi).

Es ist die Strasse, wo man auch auf Personen wie Narcis trifft, der jeweils mit seinem Kommissionenwagen unterwegs ist und den Passanten Mandarinen und Äpfeln anbietet. Unerwartet taucht hier auch das «Vybez Studio Basel» des Reggaemusikers William Martin alias Sugardaddy auf. Es ist wohl nicht nur eines der kleinsten, sondern auch eines der zugänglichsten Musiklabore der Stadt: Wie Sugardaddy sagt, legt er Wert darauf, dass der Sound nicht einfach nur im Versteckten produziert wird.

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Die neue Platte von Sugar Daddy: Der Reggaemusiker hat an der Kleinhüningerstrasse ein kleines Studio (Foto: smi).

Mitten in dieser Achse der ungewöhnlichen Schaufenster wacht kein Geringerer als Attila: Eine Tafel erinnert noch an den historischen Gemeindebann des einstigen Fischerdorfs Kleinhüningen, welches 1908 eingemeindet wurde. Der Hunnenkönig ist als Wappenfigur des Hafenviertels geblieben.

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Hier herrscht der Hunnenkönig: Attila verdankt seine Anwesenheit einem Missverständnis (Foto: smi).

Obschon die Region Basel vom Reitervolk verschont blieb, hat es sich hier in der Namensgebung verewigt. Wie Jürgen Mischke und Inga Siegfried im soeben erschienenen Namenbuch Basel-Stadt festhalten, war es eine volksethymologische Deutung des Siedlungsnamens Kleinhüningens, die Attila zu dieser Ehre verhalf. Die Hunnen wurden mit den Ungarn, die in der Ostschweiz einfielen und anno 917 vermutlich auch Basel verwüsteten, in Verbindung gebracht.

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Nicht einmal die Tauben kümmert’s: Wahlwerbung bei einem verlassenen Haus an der Kleinhüningerstrasse (Foto: smi).

Womöglich wurde das asiatische Reitervolk der Hunnen – im kollektiven Gedächtnis überlagert von den erst viel später auftauchenden Magyaren – als Namensgeber von Huningue und Kleinhüningen interpretiert. Wenn auch die volksethymologische Deutung auf einer Verwechslung beruht, so kann sich der Stadtteil heute noch rühmen, eine gefürchtete Persönlichkeit aus der Geschichte auf dem Banner zu haben. Auch sein Name ist in der besagten Ladenmeile zu finden: Ob das Theorie- und Schulungszentrum einer Fahrschule gleich gegenüber der Tafel deswegen Attila heisst, ist eine andere Frage, die sich an der Kleinhüningerstrasse stellt.

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Ein nahezu verschwundenes Handwerk: Beim «Neuen Kino» steht eine ungewöhnliche Werkstatt (Foto: smi).

 

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Gleich in der Nähe des ominösen Café Maxim herrscht Fledermausverbot (Foto: smi).

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1896 amtlich benannt: Die Kleinhüngerstrasse wurde laut «Namenbuch Basel-Stadt» entlang des ursprünglichen Wegs ins einstige Fischerdorf angelegt (Foto: smi).

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Gleich gegenüber vom Platanenhof und der Genossenschaft Klybeck: Ein alter Zigarettenautomat gleich beim muslimischen Gebetsraum (Foto: smi).

 

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