gesichtet #139: Die Wolfsschlucht – wo sich angeblich Geister, Raubtiere und Tramsurfer tummeln

Von Michel Schultheiss

Ein damals noch wenig bekannter 17-jähriger Künstler wählte für eines seiner ersten Gemälde einen besonders schaurigen Namen: «Wolfsschlucht bei Gundeldingen». Er nahm damals noch in Basel Zeichenunterricht. Von ihm sollte man später noch viel hören: Es handelte sich um den jungen Arnold Böcklin, den späteren Schöpfer von Werken wie «Die Toteninsel» oder «Die Pest».

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Und plötzlich schlängelt sich das «Drämmli» durch den Wald. Das ist nicht ganz ohne: Schon mehrmals entgleisten in der Wolfsschlucht Trams auf ihren Trainingsfahrten (Foto: smi).

Auf dem frühen und wenige bekannten Böcklin-Bild haben die Felsen der Wolfsschlucht menschliche Fratzen. Wer nun denkt, der grosse Künstler habe anno 1844 den Basler Hausberg, das Bruderholz, mit einem Kunstwerk geehrt, muss leider enttäuscht werden: Wie der Böcklin-Kenner Hans Holenweg vermutet, muss beim Titel eine Verwechslung vorliegen: Der Maler spielte nicht etwa auf den Graben oberhalb des Gundeli an, sondern auf den «Freischütz». Die Oper von Carl Maria von Weber wurde in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts auch in Basel aufgeführt und mag wohl den jungen Böcklin inspiriert haben. Die zweite Szene im zweiten Akt der Oper spielt nämlich in der «furchtbaren Wolfsschlucht». An diesem verrufenen Ort hausen Geister und wilde Tiere. Zudem erwachen dort auch die Steine zum Leben, was auf Böcklins Bild gut zu sehen ist.

Es gibt viele Wolfsschluchten

Auch wenn der «Freischütz» und wohl weniger das Bruderholz als Inspirationsquelle diente: Zumindest der Name der Basler Schlucht (na ja, eigentlich ist’s heute eher ein bewaldete Senke mit Tramgleisen) ist wie geschaffen für die gespenstischen Landschaften eines Arnold Böcklin. Vielleicht ist es einer der besten Flurnamen Basels – er könnte zu einer Metal-Band oder zu einem Handlungsort in Tolkiens «Herr der Ringe» passen. Daher ist auch nicht verwunderlich, dass es längst nicht nur in Basel Wolfsschluchten gibt. Beim Passwang, Kriens und in der Nähe Kandern trifft man ebenfalls auf diesen Namen. Auch im literarischen Schaffen taucht er Name immer wieder auf: «Wolfsschlucht» ist auch der Titel eines Kriminalromans von Andreas Föhr und eines Dramas des kroatischen Schriftstellers Miroslav Krleža.

Wie beim Schlangenwäldeli gleich in der Nähe, mag man sich auch bei der Wolfsschlucht fragen, ob hier mal die Namensgeber gehaust haben. Leider gibt es auch dazu keine verlässlichen Quellen. Sicher ist aber, dass das Raubtier, welches im 19. Jahrhundert in der Schweiz ausgerottet wurde, den Menschen schon immer beschäftigt hat. Wie kaum ein anderes Tier beflügelte es in verschiedenen Kulturen so manchen Aberglauben, Sagen, Schauergeschichten und Verehrungskulte. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Wolf ziemlich oft bei den Toponymen auftaucht.

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Seit 1970 amtlich benannt: Das Wolfschluchtweglein soll an die einstige Präsenz dieser Raubtiere rund um Basel erinnern (Foto: smi).

Von einstigen «Wolfsplagen» bei Basel

Wie Paul Roth in «Die Strassennamen der Stadt Basel» von 1959 schreibt, mahnen noch mehr Flurname an die einstige Anwesenheit dieser Tiere. «Auf dem Wolf» soll etwa an «die Wolfsplage vor den Toren der Stadt» erinnern. Beim Walkeweg gab’s auch einen Wolfsacker, einen Wolfsrain sowie Wolfsreben, in Betingen gar einen Wolfsgalgen. Das gelegentliche Auftauchen von Rudeln in kalten Winternächten soll noch im 19. Jahrhundert aus Münchenstein bezeugt sein. Damals waren Wölfe rund um Basel also noch ein Thema. Eugen A. Meier zitiert etwa in seinem «Basler Almanach» eine Quelle, wonach am Neujahrstag 1825 von der Obrigkeit eine Wolfsjagd angesagt wurde, weil die Tiere öfters in der Umgebung auftauchten. 1824 werden Treibjagden «zu womöglicher Ausrottung der in hiesiger Gegend schon seit einiger Zeit sich aufhaltender Wölfe» genannt.

Es mag also kaum verwundern, dass sie auch hier ihren Namen hinterlassen haben. Wie der Strassennamen-Forscher André Salvisberg schreibt, wurde der bewaldete Geländeeinschnitt 1954 amtlich zur Wolfschlucht-Promenade ernannt. 1970 kam dann das Wolfschlucht-Weglein dazu. Auf einem Archivfoto aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Waldstück schon als Wolfsschlucht – hier noch mit zwei «s» – betitelt.

Einst ein Entwässerungskanal?

Bis wann dort tatsächlich noch Wolfsrudel dort die Gegend unsicher machten, wissen wir nicht. Relativ wild ging’s aber im heutigen Wohnviertel noch lange zu. Wie auf der Website «Regionatur» beschrieben, war das Bruderholz bis um 1600 vorwiegend bewaldet, in den späteren Jahrhunderten wurde der Hügel dann teilweise gerodet. Bis um 1920 wurde er noch weitgehend landwirtschaftlich genutzt. Dabei blieben aber die steilen Hangschultern meist bewaldet, da deren Lössboden zu erosionsanfällig war. Bis heute tauchen wohl deswegen mitten auf dem Bruderholz solche Waldstücke auf. Die Wolfschlucht hatte aber schon einen bestimmten Zweck: Hier muss einst ein Bach hinuntergeflossen sein. Die Einkerbung soll nämlich als Entwässerungsgraben für das Bruderholz gedient haben.

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Von Arnold Böcklins Steingeistern bin hin zu den Tramsurfern: Welche Geschichten um die Wolfsschlucht stimmen wohl? (Foto: smi).

Davon sieht man heute kaum noch etwas: 1930 wurde eine Tramlinie durch die Wolfsschlucht verlegt. Daher steht dort eine der merkwürdigsten Haltestellen Basels: Gleich nach dem dicht bebauten Gründerzeitviertel Gundeli findet sich der Fahrgast plötzlich im Wald wieder. Dass sich die Strassenbahn durch diesen Graben schlängelt, ist nicht immer ganz unproblematisch: Schon mehrmals (laut «Basler Zeitung» etwa 2001 und 2013) entgleisten dort Trams während ihren Trainingsfahrten. Zudem soll um etwa 2000 die Wolfsschlucht wie auch der ebenfalls bewaldete Jakobsberg besonders beliebt bei «Tramsurfern» gewesen sein. Deren gefährliches Manöver, auf der Kupplung mitzufahren, flog dort wohl nicht so schnell auf.

Auch wenn sich Arnold Böcklin leider wohl nicht von dieser Gegend inspirieren liess: Gespenstische Sachen passierten jedenfalls auch im Zeitalter des Trams. Auch nach dem Zeitalter der Wölfe – sofern diese überhaupt jemals dort hausten.

2 Gedanken zu “gesichtet #139: Die Wolfsschlucht – wo sich angeblich Geister, Raubtiere und Tramsurfer tummeln

  1. husky45

    In der Wolfsschlucht gibt es zwar heute keine Wölfe mehr, dafür hat es immer noch Dachse, die hin und wieder auch die umliegenden Gärten besuchen.

  2. smi

    @Husky: Im alten Basler Schulbuch «dr Ueli» ist von Dachsen beim Jakobsberg die Rede. Gibt’s also auch weiterhin welche in der Wolfsschlucht?

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