gesichtet #138: Vom Schlangenwald zum Igelweg – die tierischen Seiten des Bruderholz

Von Michel Schultheiss

Ob Hundsbuckel, Wolfsschlucht, Buremichelkopf, Hummelweglein oder Krachenrain: Von allen Basler Quartieren zeichnet sich das Bruderholz durch besonders ausgefallene Strassen- und Flurnamen aus. Nicht weit von den Bettlerhöhlen entfernt geht’s gar tierisch zu: Ein Eichhorn-, Igel- und Schlangenweglein sind dort zu finden.

Schlangenweglein_Strassenschild

Einst ein von Passanten ausgetretener improvisierter Schleichweg, seit 1954 eine offizielle Strasse, die aus unbekannten Gründen nach den Reptilien benannt ist (Foto: smi).

Letzteres führt von der Bruderholzallee zur Löwenbergstrasse und wurde 1954 nach den Kriechtieren getauft. Wie im Strassennamen-Buch von André Salvisberg zu lesen ist, standen für diesen Teil des Bruderholz typische Tiere Pate. Ob’s dort einmal besonders viele Ringelnattern und dergleichen gab, ist aber nicht bekannt.

Jedenfalls ging dieser Wegbenennung das Schlangenwäldchen voraus. Wie ein Foto von etwa 1938 aufzeigt, grenzte das Waldstück im damals noch wenig bebauten Bruderholzquartier noch an Felder.  Anders als etwa beim Hexenwäldchen in Riehen handelt es sich hier nicht um einen inoffiziellen Kosenamen. Wie Dokumente aus dem Staatsarchiv belegen, war die Bezeichnung schon zur Zeit des Zweiten Weltkrieges geläufig, ehe sie später in die Nomenklatur einfloss.

Schlangenweglein 2

Das Schlangenwäldchen wurde 1945 in amtlichen Dokumenten erwähnt. Damals beschwerte sich ein Anwohner über die fehlende Beleuchtung. Zudem meldete der Strassenmeister, dass sich der Pfad bisweilen in einen Bach verwandelte (Foto: smi).

1945 schrieb etwa ein Anwohner beim Sesselacker den Regierungsrat an. Er meinte, dass der Verbindungsweg vom «sogenannten Schlangenwäldeli» zur Ecke Thiersteinerrain und Sesselacker in einem «ausserordentlich schlechten Zustand sei». Er fragte, ob man dort nicht Beleuchtungsträger anbringen könne. Anscheinend war es zu nächtlicher Stunde dort etwas unheimlich: «Viele auf dem Bruderholz wohnende Leute, welche diese Abkürzung gerne benützen, scheuen sich nachts, diesen Waldweg zu begehen», erklärte er. Das Elektrizitätswerk antwortete ihm, dass diesem Wunsch nur teilweise Folge geleistet werde. Es gebe dort kein Wegrecht – der Pfad sei «von Passanten getreten» worden. Nur am Ende des Waldstücks könne somit eine Lampe installiert werden.

Aus dieser Korrespondenz geht hervor, dass die Verbindung durch das Schlangenwäldeli eher improvisierter Natur war – eine Art Schleichweg. Zudem war es wohl ein sehr instabiler Weg: Der Strassenmeister meldete ebenfalls 1945, dass sich der Weg bei starkem Regel in ein regelrechtes Bachbett verwandle.

Igelweglein

Trotzdem setzte sich die Stadt im erst spät erschlossenen Bruderholz-Quartier für den Schlangenwald ein: 1950 beschwerte sich etwa ein Anwohner über mit Laub verstopfte Dachkänel und mangelnden Lichteinfall. Er forderte, dass einige Bäume im Schlangenwäldeli gefällt werden. Die Stadtgärtnerei stellte sich jedoch hinter diesen grünen Fleck: Solche Fällungen würden «das Ende des Schlangenwäldchens» bedeuten, das schliesslich bereits vor den Bauvorhaben existierte. Als «öffentliche Grünfläche» und Promenade soll es erhalten werden. Gleichzeitig empfahl die Stadtgärtnerei, diese zu verbreitern. Es ist anzunehmen, dass dies der Grundstein für das Schlangenweglein wurde: 1951 beschloss der Regierungsrat die «Schaffung eines vom Verkehr freien Schulweges». Die Christoph Merian Stiftung und ein Privateigentümer traten nach Verhandlungen mit dem Staat Parzellen an die Allmend für die Verbindung vom Schlangenwäldchen zum Sesselacker ab.

Der Weg bekam tierische Gesellschaft: Von der Promenade führt das Igelweglein zur Wohnüberbauung Sesselacker der Christoph Merian Stiftung. Dieses kam erst 1966 dazu. Die Eichhornstrasse gab es hingegen bereits 1904. Ein kleinerer Weg, der ebenfalls nach dem Nager benannt ist, stiess wohl erst später dazu.

Eichhornweglein

Generell ist der Schlangenwald eine Gegend, die in Basel selten wahrgenommen wird. Nur einmal klagte im Juli 2006 ein anonymer Leserbriefschreiber in der «Basler Zeitung». Er nervte sich über die Bezeichnung «Bonzenquartier» für das Bruderholz. Die Reichen seien «meistens höhere Angestellte der Industrie, welche für wenige Jahre hier leben und denen das Quartier egal sei. Die Gegend verkomme somit zu einer Abfalldeponie. Als Beispiel führte er just das besagte Wäldchen an: «überquellende Abfallkörbe, Abfalldeponien im Schlangenwegli spesenfrei!»

Davon ist zumindest jetzt nicht viel zu sehen. Momentan gehen dort nicht Abfallsünder, sondern tatsächlich Reptilien um. Gleich beim Eingang zum Schlangenwäldchen wurde kürzlich eine Schildkröte namens Gertrude vermisst. Ob auch bald einmal nach ihr ein Weg benannt wird?

Schildkröte vermisst

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