gesichtet #68: Die versiffte Stadt-Höhle

Von Michel Schultheiss

Einst soll sie Obdachlosen als Unterschlupf gedient haben. Der Name «Bettlerhöhle» weist noch immer darauf hin. Heute dient sie lediglich als Grillstelle und Kulisse eines Kinderspielplatzes. Bemerkenswert ist aber, dass sich diese Höhle in der Stadt Basel befindet – um genauer zu sein an der Grenze vom Gundeli zum Bruderholz. Unmittelbar daneben befindet sich sogar ein Hochhaus. Die finstere Einbuchtung ist aber nicht sehr exponiert: Im Schatten eine bewaldeten Nagelfluh beim Hechtliacker ist sie zu finden.

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Der lustig verformte Nagelfluhfelsen ist heute ein temporäres Siedlungsgebiet von grillenden Sesshaften: Die Bettlerhöhle beim Hechtliacker (Foto: smi).

Dabei handelt es sich nicht etwa um eine jener Ziergrotten, wie sie in den Parks der Frühen Neuzeit beliebt waren. Dennoch ist es übertrieben, hier von einer wachechten Höhle zu sprechen: Es ist eigentlich um ein durchlöcherter Nagelfluhfelsen. Grössere Höhlenexpeditionen dürften in den winzigen Spalten eher schwierig durchzuführen sein. Zudem sieht die Bettlerhöhle schon ziemlich verbraucht und abgenutzt aus: Ein Pfeiler bewahrt den Hohlraum vor dem Einstürzen und die Felsen sind mit Russ und Asche verschmutzt, was auf intensive «Begrillung» durch zahlreiche temporäre Höhlenbewohner hinweist.

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Ein Pfeiler bewahrt den Hohlraum vor dem Einsturz. Generell sieht die Höhle schon ziemlich verkohlt und verbraucht aus (Foto: smi).

Dabei waren weder die Bettler noch die Barbecue-Gesellschaften die ersten, welche die Höhle aufgesucht haben. Schon in der Altsteinzeit zog es Menschen zum Hechtliacker. Ausserdem soll sich dort die erste mittelbronzezeitliche Siedlung auf Basler Boden befunden haben. Im Jahr 1946 wurden daher intensive Grabungsarbeiten durchgeführt. Wie der eine Leiter der Ausgrabungen, Roland Bay, im Basler Jahrbuch 1949 schreibt, weisen mehrere Fundstücke auf frühere menschliche Präsenz bei der heutigen Spielwiese hin: Dammerde, gebrannte Steinen, Kohle, Töpferwaren und zugeschlagenen Kiesel zeugen von den früheren Siedlern.

Relikte aus verschiedenen Kulturstufen wurden vermutlich durchs Pflügen an der Erdoberfläche vermischt. So fand man einerseits geschlagene Steinwerkzeuge von Rentierjägern aus der Altsteinzeit, andererseits Keramik aus der wesentlich jüngeren Bronzezeit. In einem Wäldchen beim Hechtliacker stiess man auf Vorratsgefässe, die laut Roland Bay typisch für die mittlere Bronzezeit sind. Zwar wurden keine Mauerresten gefunden, doch es wird in Analogie zu anderen Fundstellen angenommen, dass sich beim Hechtliacker eine Siedlung von frühen Ackerbauern und Viehzüchtern befunden haben muss.

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Einst eine bronzezeitliche Siedlung, heute ein Spiel- und Grillplatz (Foto: smi).

In der Bettlergrotte und ihren Nebenhöhlen selbst wurde man nicht fündig. Wie schon frühere Grabungen um 1901 nahelegten, sind sie entweder vollständig ausgeräumt oder gar nie besiedelt worden. Auch altsteinzeitlichen Jägern und Siedler aus der Bronzezeit hatten vielleicht ihre Ansprüche. Jahrtausende später ist eine dritte Kategorie, der neuzeitliche Grillende, an diesen geschichtsträchtigen Ort gestossen. Auch wenn die Nagelfluhhöhle heute etwas versifft aussehen mag, ist sie doch immerhin eine Rarität auf dem Stadtgebiet.


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