gesichtet #126: Das Leben an der Inselstrasse

Von Michel Schultheiss

Auf einer zwischen Wohnblocks eingeengten Wiese prangt ein Fussballverbotsschild. Gleich in der Nähe stehen sich ein Migros-Partner und ein Coop-Restaurant gegenüber, während in der Capribar und im Infoladen Magazin schon mal Rheinhattan versenkt wird. Manchmal spaziert der stadtbekannte Narcis mit den Mandarinen und Äpfeln in der Hand vorbei, um sich auf den Weg in Richtung Barfi zu machen.

Inselstrasse Plattenbauten und Coop

Kulisse im Videoclip von S-Hot und in einer Kurzgeschichte von Benjamin von Wyl: Die Plattenbauten an der Inselstrasse (Foto: smi).

Die Rede ist von der Inselstrasse. Sie deutet auf den einst wilderen Lauf des Rheins hin: Der Name geht laut André Salvisberg auf die Klybeckinsel zurück. Ein mittlerweile verlandeter Nebenarm des Rheins trennte sie vom Festufer. Dies entsprach dem Areal zwischen der heutigen Uferstrasse und Altrheinweg – ein Gebiet, das durch den Wagenplatz, der 2014 geräumte Kulturraum Uferlos und mehrere Zwischennutzungsprojekte wieder Bekanntheit erlangt hatte. Dadurch wurde auch die Bezeichnung Klybeckinsel in der Stadt wieder prominenter.

Inselstrasse 1

Kontraste, wie sie auch Behemoth bemerkte: Altbauwohnungen mit der Capribar und Plattenbauten treffen hier aufeinander (Foto: smi).

Nun aber zurück zur Strasse, die noch an das einstige Eiland erinnern soll: Deren unverkennbare Kulisse ist im letztjährigen Videoclip Rumble in the Jungle von S-Hot zu sehen. Im Hintergrund schwirren die Plattenbauten vorbei und auch die Beschilderung der Inselstrasse flackert kurz auf. Der Basler Rapper führt bekanntlich gleich in der Nähe einen Coiffeursalon. Das Quartier spielt in seinen Tracks generell eine wichtige Rolle – nicht zufällig ist im Video daher auch das Attila-Wappen, welches gleich um die Ecke den historischen Kleinhüninger Gemeindebann markiert, zu sehen.

Fussballverbot Inselstrasse

Auf der kleinen Matte zwischen den Wohnblöcken (Foto: smi).

Nebst der idealen Hip-Hop-Kulisse gibt es noch eine weitere Hommage neueren Datums an die besagte Gegend: Benjamin von Wyl hat sich in seiner Kurzgeschichte «Diese Strasse, diese Strasse und die nächste»* seinem ehemaligen Wohnort gewidmet. Protagonist ist dabei einer der Plattenbau-Bewohner – jemand, der halt eben in einer weniger hippen Behausung der Inselstrasse (einem «Carpark für Menschen», wie es dort heisst) lebt und sich dadurch von seinen Unikollegen, die es sich in Altbauten gemütlich gemacht haben, unterscheidet:

«Behemoth gehört zu den wenigen Inhabern einer Studentenlegi im Park der Wohnblocks aus 7×4-Fassadeneinheiten. Die meisten Studenten schauen lieber von Altbau-Fensterbänken auf den Peoplepark. Auch in der Silvesternacht bleiben sie dem Gefecht fern. Schauen, glotzen, von Balkons mit Jugendstil-Vergitterung. Aber Behemoth schaut aus der grauen Mitte aus der grauen Mitte auf graue Fassaden, sieht wie junge Pärchen an den orangen Sonnenstoren kurbeln bis Privates an der frischen Luft ungesehen bleibt».

Die Hauptperson steht für das Klybeck: «Behemoth ist dieses Quartier». Vom Stadtteil der durch die Rettung der Rosskastanie Rosie am Wiesenplatz und die Klybeckinsel wieder ins Gespräch gekommen, ist ansonsten erstaunlich wenig die Rede – wie so oft gerät dieser äussere Teil Basels etwas in Vergessenheit. Im Gegensatz zum benachbarten Matthäusquartier (wo kürzlich selbst der legendäre vergilbte Software-Laden einen neuen Anstrich erhalten hat) konnte es sich vielleicht noch der viel diskutierten Aufwertung entziehen. Das belegen auch die Kennzahlen: Das Klybeck zeichnet sich durch niedrigsten Steuererträgen und der höchsten Arbeitslosenquote im Kanton aus. Ebenso sind hier die im Durchschnitt kleinsten Wohnflächen und ein geringer Anteil an Grünflächen und Einfamilienhäusern zu finden.

Inselstrasse Service publique

Die andere Strassenseite zeichnet sich ebenfalls durch ungewöhnliche Beschilderungen aus (Foto: smi).

Ob sich einmal Pioniere im Klybeck mit Cafés, Ateliers und Boutiquen einnisten werden oder ob so etwas wie das, was mit dem Unwort Rheinhattan bezeichnet wird, doch einmal kommt, bleibt abzuwarten. Mit anderen Worten: Ob das Klybeck dereinst zu einem neuen Matthäus- oder zu einem neuen «Voltaquartier» wird, steht noch nicht in den Sternen. Vorläufig bleibt zumindest die Inselstrasse so wie in Behemoths Geschichte und im Video von S-Hot. Natürlich blieb nun eine Achse im Klybeck vergessen, an dem noch weit mehr zu sehen ist: Die Kleinhüningerstrasse gleich um die Ecke, wo es vom portugiesischen Trödelladen bis hin zum kleinen Reggaestudio viele interessante Sachen zu entdecken gibt. Doch davon soll zu einem späteren Zeitpunkt die Rede sein.

 

*Der Text ist in der Ausgabe #15 von «das Narr» zu finden.

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