Das lauthalse Aufheulen der Freiheit – Gregor Szyndlers Roman «Das weiterungsvolle Erblühen des Motorsägenbesitzers Hans Bissegger»

Siebzehn Kapitel, die ein Ganzes ergeben und doch mehr als die Summe ihrer Teile: Gregor Szyndlers Erstling öffnet ein Sammelsurium an überschäumenden und verschachtelten Erzählungen, wo eine kleine Referenz der Funke zu einer weiteren Geschichte sein kann. Der Grundfokus aber liegt auf dem allzu menschlichem Drang nach Freiheit.

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Das titelgebende Instrument der Befreiung: Hans Bissegger liebäugelt je länger je mehr mit seiner Motorsäge. Bild © Lucian Hunziker

Von Daniel Lüthi

Freiheit ist einer der Grundpfeiler moderner Gesellschaften. Das Recht auf freie Meinung, Wahl- und Berufsfreiheit, Freizügigkeit beim Reisen – was früher als philosophische Imperative formuliert wurde, steht heute als menschliches Grundrecht in der Verfassung geschrieben. Die Kehrseite dieser verfassungsgemässen Freiheit sind Pflichten, die jede Bürgerin und jeder Bürger akzeptieren und befolgen muss. Obwohl in derselben aufgeklärten Denkweise verwurzelt wie die Rechte, nehmen die Pflichten oft Überhand. Schnell fühlt man sich eingeengt vom Korsett von lauter Regelungen, und die Rechte des einen werden auf einmal zu den zu erduldenden Pflichten des anderen. Freiheit wird Pflicht.

Ein Feuerwerk an Wortwitz und Ideenreichtum

Hans Bissegger, Hauptfigur und bindendes Element in Gregor Szyndlers Roman «Das weiterungsvolle Erblühen des Motorsägenbesitzers Hans Bissegger» hat genau dieses Problem. Wo andere Freiheiten leben, erträgt der Schönheitschirurg nur noch Pflichten. Von der Pflicht, die nächste Liposuktion oder Straffung zu planen, bis hin zu der grossen gesellschaftlichen Pflicht, in seiner Rolle als guter Bürger zu bleiben und diese ohne Anecken oder Murren zu spielen. Doch Hans Bissegger ist unzufrieden. Er zweifelt, schon lange, und nun, als er seinen Krawattenknopf eines Morgens zu eng gebunden hat und ihm in der Folge wörtlich fast der Kragen platzt, beginnt er endlich, zu handeln.

In den folgenden siebzehn Kapiteln entfacht Gregor Szyndler ein Feuerwerk an Wortwitz und Ideenreichtum. Wirft man einen Blick auf das Layout, erinnert der Roman an Arno Schmidt: Der Haupttext wird links und rechts mit Anmerkungen (man möchte fast sagen, Marginalia) erweitert, ausführliche Fussnoten nehmen teils mehr als die halbe Seite ein, verschiedene Schrifttypen, handschriftliche Einschübe und farbliche Nuancen brechen die Einheitlichkeit des Narrativs auf. Doch glücklicherweise bleibt Szyndler – im Gegensatz zu Schmidt – stets gut lesbar und verliert sich nicht in Formexperimenten, sondern bleibt verständlich. Nur zu verständlich, denn was Hans Bissegger alles erlebt und welche Massnahmen er gegen das eigene Spiessbürgertum unternimmt, ist ein nachvollziehbares, vielleicht sogar beneidenswertes Unterfangen.

Der everyman mit der Motorsäge

«Das weiterungsvolle Erblühen des Motorsägenbesitzers Hans Bissegger» erschien von Februar bis Dezember 2013 als Fortsetzungsgeschichte wöchentlich auf Zeitnah. Was damals mit dem Untertitel «Ein bürgerliches Dauerspiel» ironisch untermauert wurde, findet nun im Verlag Edition 21 erschienenen Buch seine ausgedehnte und intertextuell stark erweiterte Neuinszenierung.

Hans Bissegger ist ein everyman, trotz seines prestigeträchtigen Berufs als Schönheitschirurg ein Charakter, mit dessen Frust und Genervtheit wir uns identifizieren können. Die Motorsäge wird quasi zu seiner Zweitidentität, sein Instrument der Befreiung: Wo anfangs Gerüchte um gefällte Weihnachtsbäume nur am Rande erwähnt werden, gerät dieses Bild des gefällten Baumes je länger je mehr zum Leitmotiv des Buchs. «Die Motorsäge steht Hans Bissegger tröstlich vor Augen», teilt uns der Text in giftig-aggressivem Rot mit, und wir wissen (oder hoffen zumindest!), dass damit kein Mord, sondern allenfalls Baumschlag gemeint ist.

Dennoch bleiben die Geschichten nicht auf dieses Motiv beschränkt. Der Text weiss durchaus, sich zu tarnen. Neben zahllosen Anspielungen, Fussnoten oder Referenzen an literarische Vorbilder sind es vor allem die Bilder, welche den narrativen Fluss angenehm umleiten und nicht streng linear auf die Motorsäge fixiert lassen. Ein kreatives Ensemble an Nebenfiguren, von Ehefrau Bin Bim Bissegger-Xi über den rebelliös-brillanten Sohn Leoluca bis hin zum Hamster Agatho, jagt Hans Bissegger mehr als einmal kurzfristig die Hauptrolle ab.

Ein postmoderner Oskar Matzerath?

Schlussendlich jedoch bleibt der Fokus auf dem titelgebenden Antihelden: Hans Bissegger, dem Schönheitschirurgen, dessen persönlicher Befreiungsschlag den Schritt vom Skalpell zum grösseren Kaliber der Motorsäge nach sich zieht. Wer einen zusammenhängenden, in sich geschlossenen Roman sucht, der den Spannungsbogen vom Biedermann zum Brandstifter schlüssig spannt, wird hier vielleicht nicht fündig – dazu ist Szyndlers Buch zu spielfreudig, zu intertextuell. Dem Lesevergnügen tut es keinen Abbruch.

Der einzige bleibende Wunsch angesichts dieser Selbstreferentialität und hypertextuellen Anspielungen sowie Fussnoten im Text wäre eine vollständig im Internet zugängliche Version der Geschichten. Gerade weil die vielen Querverweise und kleinen Details den Text so bereichern, wäre es ein Leichtes, mit einem Klick noch zusätzliche Geschichten in der Geschichte zu eröffnen – da das Werk bereits als Audiobook sowie als Buch-App erhältlich ist, ergäbe sich dadurch noch eine weitere mediale Option.

Gregor Szyndlers «Das weiterungsvolle Erblühen des Motorsägenbesitzers Hans Bissegger» ist tatsächlich weiterungsvoll, eine zum Buch gewordene Fortsetzungsgeschichte, deren Ende nicht endgültig sein muss. Mit Hans Bissegger hat Gregor Szyndler einen postmodernen Oskar Matzerath erschaffen, der mit Kettensäge anstatt mit Trommel die Welt Baum für Baum anlärmt. Zwar verlieren wir ihn am Schluss des Buches im nordamerikanischen Wald aus den Augen, doch die leise Hoffnung bleibt bestehen, dass dies nicht das Letzte sein wird, was wir von ihm hören werden. Von Gregor Szyndler jedenfalls wird in Zukunft bestimmt noch einiges zu hören sein. Wir freuen uns.

«Das weiterungsvolle Erblühen des Motorsägenbesitzers Hans Bissegger» von Gregor Szyndler
Erschienen im Dezember 2015 im Verlag Edition 21
Gebundene Ausgabe CHF 29.00, E-Book CHF 9.00
ISBN: 978-3-9524467-2-0

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