Norman Gobbi in Japan – Stefan Jägers «Der grosse Sommer»

Ein knorriger Schweizer flucht in Japan über die Einheimischen, sein kleiner japanisch-schweizerischer Begleiter stiehlt einen Hasen und HAL übersetzt: ein leider allzu deutschschweizerischer Film, der aber tief in die Seele dieser Region blicken lässt.

Der ehemalige Schwinger Anton Sommer (Mathias Gnädinger) lebt alleine. Nach dem Tod seiner Vermieterin droht ihm die Kündigung – durch ihren einzigen Nachfahren, den kleinen Hiro (Loïc Sho Guntensperger). Nun geht es hart auf hart; was kann der Rentner dem kleinen Hiro bieten, damit dieser ihm im Gegenzug nicht auf die Strasse stellt? Ganz klar: eine Reise nach Japan, wo der schmächtige, aber perfekt zweisprachige Kleine sich zum Sumoringer ausbilden lassen will…

Integration leicht gemacht; der grosse Sommer und der kleine Hiro in Zipangu. (Bild: zVg)

Integration leicht gemacht; der grosse Sommer und der kleine Hiro in Zipangu. (Bild: zVg)

Anton Sommer in Japan: so stellt man sich den verhinderten Bundesrat Norman Gobbi in der Fremde vor. Ein nicht ganz schlanker Herr aus dem Schweizerlande, der dauernd über die Einheimischen schimpft. Natürlich versucht Regisseur Stefan Jäger hier, die im Drehbuch von Theo Plakondakis und Marco Salituro sicher angelegte völkerverbindende Story hier umzusetzen. Das Problem ist hier aber, dass es sich um eine Art der Völkerverbindung handelt, die auch in «Qu’est ce-qu’on a fait au Bon Dieu?» und vergleichbaren Filmen reichlich aufgesetzt wirkt. Hier kommt eben noch hinzu, dass Jägers Film streckenweise reichlich amateurhaft daherkommt – vielleicht am schlimmsten, wenn er eine Liebesgeschichte zwischen Sommer und einer japanischen Witwe zeigen will. Das wäre nicht nötig gewesen. Und so oder so: was macht Sommer überhaupt in Japan? Nur kurz sehen wir das urbane Japan, danach geht es in ein ländliches Japan, in dem unsere Helden einen Hasen stehlen und dann mit dem erzürnten Bauern verhandeln müssen – eine Story, die ebenso im Bernbiet spielen könnte. «La vie n’est pas un roman mais un film suisse alémanique» (frei nach Stereo Total): so langweilig ist «Der grosse Sommer», dass die typografischen Verirrungen im Vor- und Abspann nicht mehr verwundern dürfen. Ein Film, der leider nur allzu viel aussagt über die Schweiz – oder zumindest die Deutschschweiz. Und so völkerverbindend, dass selbst SVP-Exponenten jubeln. «Cheibe Japaner» – wenigstens musste Mathias Gnädinger die Premiere dieses Werks nicht mehr erleben…

Bei allen Unterschieden drängt sich an dieser Stelle ein Vergleich mit «Lost in Translation» auf: in beiden Filmen geht es um Übersetzung. Während Sofia Coppola aber gerade die mangelnde oder fehlerhafte Übersetzung thematisiert, so ist hier die Übersetzung immer gewährleistet, entweder durch den kleinen Hiro oder eine kleine Übersetzungsmaschine: HAL 2015. Und sogar dann, wenn die verbale Kommunikation unmöglich ist, sogar dann kommt es zu einer sexuellen Begegnung. In «Lost in Translation» hingegen werden die tatsächlichen Gräben und Lücken in der Kommunikation zur Sprache gebracht. In «Der grosse Sommer» wird aber immer alles übersetzt und alles gelingt: klar, es soll sich ja auch um ein Feelgood-Movie handeln, und schliesslich darf man von einem derartigen Werk nicht dasselbe erwarten wie von einem feinsinnigen und komischen Arthaus-Streifen. Aber – und hier schliesst sich der Kreis – Jägers Film ist einfach nicht gut genug; er ist selber nicht fähig, das zu gewährleisten, was der kleine Übersetzungscomputer und Hiro im Film leisten. Die Kommunikation zwischen Publikum (oder zumindest dem Filmkritiker) und dem Film funktioniert nicht. Ob der Film bei einem allgemeineren Publikum mehr Zuspruch finden wird? Wer weiss… aber was der Film auf jeden Fall rüberbringen kann: dass in der Schweiz oder zumindest der Deutschschweiz der Rassismus immer wieder verharmlost wird. So sehr sogar, dass anders als in «Monsieur Claude und seine Töchter» hier alles noch ins Ausland verlegt wird. Als würde der Rassismus in der Schweiz selber nicht existieren…

«Der grosse Sommer». Schweiz 2016. Regie: Stefan Jäger. Mit  Mathias Gnädinger, Loïc Sho Guntensperger u.a.  Deutschschweizer Kinostart am 28. Januar 2016.

Einige Gedanken zu “Norman Gobbi in Japan – Stefan Jägers «Der grosse Sommer»

  1. Nadine

    Ich persönlich fand die Idee ja recht nett, einmal das Sprachproblem beiseite zu lassen. Und klar, Arthouse ist der Film nicht und vieles sicherlich auch Geschmackssache… Aber den doch recht harschen Vorwurf des Rassismus kann ich nicht ganz nachvollziehen. Es werden kulturelle Unterschiede gezeigt: Ja, aber das ist ja nicht rassistisch. Niemand wird wohl verneinen wollen, dass es solche Unterschiede gibt. Es wird dabei auch keine Kultur klarerweise abgewertet. Falls man hier aber eine Kultur nennen sollte, die eher schlecht wegkommt, ist es doch die schweizerische und nicht die japanische (was ich auch bei einem Film von einem Schweizer nur angemessen finde). Das kleine Gemächt-Problem, das den Jungen umtreibt, so habe ich es zumindest verstanden, ist ein tragikomisches Element, das vielmehr ein rassistisches Problem vieler Schweizer aufgreift, denn selbst eines ist. Trotz Lieblichkeit und Happy End bleibt ja auch am Ende des Films der bittere Beigeschmack, dass der Herr Sommer bis zum Schluss keinen sinnvollen Umgang damit gefunden hat.

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