Cabin Fever – Quentin Tarantinos «The Hateful Eight»

Nach dem Grosserfolg «Django Unchained» bleibt Quentin Tarantino gleich beim Western – und hat keinen Geringeren als Ennio Morricone für den Soundtrack verpflichtet.

John Ruth (Kurt Russell) will seine Leute am Galgen sehen, und deshalb begleitet er die gefährliche Kriminelle Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) ebendorthin. Doch leichter gesagt als getan: die Reise ist gefährlich, und der schwarze Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und der Sheriff Chris Mannix (Walton Goggins) wollen auch in der Kutsche mitreisen. Schliesslich müssen sie in einer Gaststätte einen Zwischenhalt einlegen, da eine Weiterreise im Schneesturm unmöglich ist. Dort treffen Ruth und seine Mitreisenden auf den Mexikaner Señor Bob (Demián Bichir) und andere zwielichtige Gestalten…

Zivilisierte Menschen unter sich. (Bild: zVg)

Zivilisierte Menschen unter sich. (Bild: zVg)

Wie schon in «Kill Bill» und «Django Unchained» fokussiert Quentin Tarantino auch in seinem neuen Western – die Musik stammt von keinem geringeren als Ennio Morricone – auf die konfliktbeladenen «race relations» in den USA. Dies hat er erzählerisch durchaus geschickt eingefädelt, und erst am Schluss wird das Thema in seiner ganzen Tragweite fassbar. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um das Thema, das in all seinen Filmen – von «Reservoir Dogs» über «Pulp Fiction» bis zu «Inglourious Basterds» und nun «The Hateful Eight» – die versteckte Hauptrolle spielt. Tarantino zeigt den Rassismus aber nie didaktisch, sondern immer humorvoll und verspielt – was natürlich nicht von allen Kollegen und Kritikerinnen geschätzt wird – man denke etwa an Spike Lee und bell hooks, die Tarantino immer wieder für seinen exzessiven Gebrauch des «n-word» kritisieren. Vielleicht durchaus zu Recht – wobei Tarantino ja kürzlich gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt demonstriert hat.

Es ist also sicher nicht so, dass Tarantino selber den Rassismus seiner Figuren gutheisst. Gerade auch die Figur des von Samuel L. Jackson dargestellten Marquis Warren zeigt, wie intensiv sich Tarantino mit dem Rassismus auseinandersetzt und wo seine Sympathien liegen – sicherlich nicht bei den Südstaatlern, die die Sklaverei und ihre eigene Wirtschaft verteidigt haben. So ist «The Hateful Eight» durchaus in der Tradition von Corbuccis «Django» und «Il grande silenzio», beides Filme, die auf den Rassismus der USA und indirekt den italienischen Nord-Süd-Graben fokussieren.

Nun ist «The Hateful Eight» sicher nicht Tarantinos bester Film. Wer sich aber für das Gesamtwerk des Meisters interessiert, darf diesen Streifen nicht verpassen – auch wenn der Plot streckenweise eher an Agatha Christie denn an Sergio Corbucci erinnert. Um den geschätzten Kollegen Ottokar Schnepf zu zitieren: «Agatha Christie trifft Sergio Leone» und «Ein fast in einem Raum spielender Western ist ein NoGo». Besonders gefallen haben dem Schreibenden die zumindest scheinbar stilechten «opening titles» – mit denen Tarantino den Retro-Touch schon ganz am Anfang gehörig abfeiert. Das wirkliche Problem des Films ist wohl auch tatsächlich, dass Tarantino bessere Dialoge für zeitgenössische Stoffe schreibt (deshalb verliert man auch das Interesse an der Handlung, da den Dialogen so oft das typisch Tarantinoeske abgeht) und dass gerade aufgrund von Tarantinos Dialoglastigkeit der Western eben das falsche Genre für ihn ist. Als seine besten Filme dürfen denn wohl auch «Pulp Fiction» und «Jackie Brown» gelten – Filme, die bei allem Retro-Touch ganz in der Jetztzeit verhaftet sind und in denen Tarantinos meisterhafte Dialoge am besten zum Tragen kommen. Aber vielleicht ist Tarantinos Interesse für Geschichte und Action einfach zu ausgeprägt. Und das Publikum scheint dies zu honorieren.

«The Hateful Eight». USA 2015. Regie: Quentin Tarantino. Mit Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Demián Bichir, Kurt Russell, Walton Goggins, Michael Madsen, Zoë Bell u.a.  Deutschschweizer Kinostart am 28. Januar 2015.

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