Kunst, die noch heute kein bisschen verstaubt ist: José Lopez-Linares’ «Hieronymus Bosch – The Garden of Dreams»

In López-Linares’ Dokumentarfilm kommen Kundige und Künstler aus verschiedenen Bereichen zu Wort; Thema ist Hieronymus Boschs Triptychon «Der Garten der Lüste».

Kunst inspiriert und schafft neue Kunst. Vielleicht ist dies bei nur wenigen bildenden Künstlern so sehr der Fall wie bei Hieronymus Bosch, geboren als Hieronymus (Jheronymus) van Aken, auch bekannt als Jeroen van Aken. Er hat – was damals üblich war – den Namen seiner Geburtsstadt und Wirkstätte ‘s Hertogenbosch (Herzogenbusch) als Pseudonym gewählt. Seine überbordende Fantasie, der Detailreichtum in seinen Werken ist nur schwer übertreffbar.

Ein scharfer Blick auf das Werk von Hieronymus Bosch. (Bild: zVg)

Ein scharfer Blick auf das Werk von Hieronymus Bosch. (Bild: zVg)

Zu Wort kommen in José López-Linares’ Films u.a. so bekannte Namen wie Salman Rushdie, Orhan Pamuk, Michel Onfray, auch musikalisch ist der Film ganz in der Jetztzeit verhaftet (u.a. Elvis Costello, Arvo Pärt, Lana del Rey, Jacques Brels «Mijn vlakke Land») und schafft so viele spannende Querverbindungen. Auch punkto Interpretation und punkto Herkunft und Geschichte des Triptychons hat López-Linares’ Film einiges zu bieten. Es ist aber auch schwer, anhand der Fülle von Material zu enttäuschen. Aber López-Linares ist ja auch kein Unbekannter, vielmehr hat der spanische Regisseur mit den ganz Grossen des spanischen Kinos wie Víctor Erice und Carlos Saura zusammengearbeitet.

Der Film entstand in Zusammenarbeit mit dem Prado, dem Ort, an dem das Triptychon (und andere wichtige Werke von el Bosco, wie Bosch auf Spanisch heisst) zu sehen ist und der Boschs Erbe mit viel Eifer verteidigt. Hier sind wir auch wieder bei der innereuropäischen Kolonialgeschichte: die Niederlande und Belgien waren von 1522 bis 1648 spanisch, und deshalb ist Boschs grossartiges Triptychon heute in Madrid zu sehen und nicht in heimatlichen Gefilden. Deshalb passt auch «Mijn vlakke land» des Belgiers Jacques Brel. Interessanterweise wird in den Untertiteln «Mijn vlakke land» als «Mein Flandernland» übersetzt – Flandern und die Niederlande waren damals natürlich keine unabhängigen Gebilde, sondern Teil der «Lage Landen», in denen auch Bosch lebte und wirkte. Wobei Vlaanderen/Flandern manchmal auch für das ganze Gebiet gebraucht wurde, wie ein Blick in die niederländische Wikipedia zeigt. Und gerade Bosch lebte ja in den südlichen Niederlanden. Be that as it may: Boschs Kunst ist auch deshalb so ausserordentlich, weil sie auch heute noch kein bisschen verstaubt wirkt. Gleichzeitig betont auch López-Linares’ Film, dass wir sein Werk aus seiner Zeit verstehen müssen. Was wir heute darin sehen, ist aber gezwungenermassen dann doch etwas anders als das, was seine Zeitgenossen darin sahen.

«El Bosco. El Jardín de los Sueños». Spanien/Frankreich 2016. Regie: José Luis López-Linares. Dokumentarfilm. Deutschschweizer Kinostart am 13. Oktober 2016.

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