gesichtet #141: Das menschenfressende Wenkentier lauert im Bierkeller

Von Michel Schultheiss

Aus dem Loch kam jeweils Schwefelgestank. Was da drinnen hauste, war offensichtlich furchterregend: «Do heds aim aglotzt wienen Stier, mit Auge wie vo grüenem Füür». Mit diesen Worten beschrieb der Dichter und Bettinger Gemeindeschreiber Julius Ammann alias Sebastian Hämpfeli (1882-1962) das Ungeheuer. Ein übermütiger Bub, der sich über das «füürig Tier» lustig machte, wurde prompt von ihm «mit Huut und Hoor» aufgefressen – so zumindest in diesem Gruselgedicht.

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Hinter dieser Tür haust das Wenkentier: Wie ein Schauermärchen besagt, soll es von hier aus seinen meist blutjungen Opfern abgepasst haben. Sehr wahrscheinlich diente ihm der alte Bierkeller an der Grenze zwischen Riehen und Bettingen als Unterschlupf (Foto: smi).

Vielleicht hat das Schauermärchen so einem manchen Bettinger und Riehener Kind das Fürchten gelehrt: Der Sage nach trieb das nicht genauer definierte Monster einst beim Rank an der Bettingerstrasse oberhalb des Wenkenhofs sein Unwesen. Wie Fritz Dettwiler-Ammann anno 1946 schrieb, führte dort ein Schopf zu einem unterirdischen Gang. Gelegentlich soll das Wenkentier sich von dort aus «ein Opfer aus der Mitte der Bevölkerung» geholt haben. Gegen das Untier half beim Vorbeigehen nur lautes Beten, Singen, Zählen und Brüllen. Dabei galt die Regel wie beim biblischen Lot bei der Flucht aus Sodom und Gomorrha: Wer’s geschafft hat, sich unversehrt vorbeizuschleichen, blickte nicht mehr zurück.

Anscheinend hatte das Monster einen Verwandten in Riehen: Der 2005 verstorbene Theologe, Historiker und Gemeindepräsident Michael Raith erwähnt in der Gemeindekunde von 1980 auch ein «Hohligasstier» an der Bäumligasse. In Basel hat es ebenfalls einen bekannten Artgenossen: Das sagenhafte Spalentier, welches jeweils seine Gestalt ändern kann, und je nach Belieben als Ochse, Schwein oder Lindwurm erscheint. Ähnliches wurde auch schon aus Ettingen berichtet. Dort sorgte einst das Nebengrabentier für Gänsehaut.

Was sich wirklich hinter dem geheimnisvollen Tor verbirgt

Wer aber heute nach Bettingen will, muss aber keine Angst mehr haben: Seit der Bus hinauffährt und die Strasse beleuchtet ist, traut sich das Ungeheuer offenbar nicht mehr aus seinem Versteck. Den Unterschlupf des Wenkentiers können wir aber noch gut verorten. Ein mancher mag sich nämlich schon gefragt haben, was die stets verschlossene Holztür am Waldhang soll. Wie der dortige Bierkellerweg schon andeutet, drehte sich hier einst viel um Alkoholisches: Anno 1857 wurde ein unterirdischer Lagerraum für die Brauerei an der Baslerstrasse angelegt. Nachdem sich die Branche nach Basel verlagert hatte, bedeutete dies auch das Ende des Bierkellers. Er wurde 1892 von einem Bauern gekauft, später diente der unterirdische Bau als Aufbewahrungsort für Obst.

Somit hat der Keller trotz seines Namens schon lange kein Bier mehr gesehen und steht seit Jahrzehnten ungenutzt da. Wie der jetzige Parzellenbesitzer erklärt, wollte er schon einmal ein Baugesuch für einen Weinkeller einreichen. Mangels Stromanschluss und anderen Hindernissen kam das Vorhaben aber nicht zustande. Wie der Schreibende vor über 25 Jahren beobachten konnte, seilten sich einmal tollkühne Buben durch einen Schacht in den Keller ab – eine Bieridee, die aus Sicherheits- und rechtlichen Gründen besser nicht nachgeahmt werden sollte.

Beim Wenkenhof gibt’s auch Gespenster

Jedenfalls wurden diese Jungs nicht vom Wenkentier gepackt. Ob das Ungeheuer noch immer dort unten schlummert, ist nicht bekannt. Jedenfalls ist es nicht die einzige gespenstische Erscheinung in dieser Gegend: Der einstige Wenkenhofbesitzer Johann Heinrich Zäslin (1697–1752) wurde später bei seiner von ihm errichteten Barockanlage immer wieder als ruheloser Geist gesichtet. Wie so oft wandeln sich solche Spukgeschichten im Laufe der Zeit: Der ehemalige Gemeindepräsident Willi Fischer kennt etwa eine andere Version davon. Dort ist es nicht Zäslin, sondern der Geist vom Industriellen und Wenkenhof-Eigentümer Alexander Clavel-Respinger (1881-1973), der mit seinem Kopf unter dem Arm auftaucht. Dies tat er an einem passenden Ort, von dem hier auch schon die Rede war und zwar im etwas verwunschenen Wackernagel-Park, besser bekannt als «Häxewäldeli». Auch wenn die Gegend heute immer noch etwas unheimlich erscheint: Womöglich wurden die Gespenster zusammen mit dem Wenkentier von den vielen Pfadis, Spaziergängern und Festgesellschaften in der Gegend längst zum Teufel gejagt.

Diese und weitere Sagen aus Riehen werden auch in einem anderen Artikel des gleichen Autors beschrieben: Siehe «Riehener Zeitung» Nr.41 vom 14.10.2016, S.7: Gespenster, Moor-Reiter und Wenkentier.

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