Sechs Männer auf See – Athina Rachel Tsangaris «Chevalier»

Athina Rachel Tsangari zeigt auch mit ihrem dritten Spielfilm, dass sie zu den ganz Grossen des europäischen Kinos gehört. Ein starker Blick in die menschliche (oder männliche?) Seele…

Josef, Yorgos, Yannis, Dimitris, Christos und ein namenloser Arzt sind auf einem Boot unterwegs in der Ägäis. Was anfangs noch als harmloser Ferienpass aussieht, erweist sich schon bald als Wettstreit unter Neurotikern. Wer hat die besten Blutwerte, die stärksten Erektionen, die treuste Frau, wer angelt den schönsten Fisch?

Yannis und Dimitris: klar, wer hier der Boss ist. (Bild: zVg)

Yannis und Dimitris: klar, wer hier der Boss ist. (Bild: zVg)

So komisch war männlicher Wettstreit nur selten. Athina Rachel Tsangari (neugriechisch: Athiná Rachíl Tsangári) legt nach «Attenberg» einen unterhaltsameren, aber deshalb nicht weniger gehaltvollen Film vor. Ganz ohne Frauen – allerdings wäre es wohl falsch, hier einen spezifisch weiblichen Blick zu detektieren. Ko-Autor Efthymis Filippou (u.a. auch Ko-Autor von Yorgos Lanthimos’ «The Lobster»)  ist schliesslich auch ein Mann. Es stellt sich auch die Frage, ob dieses ewige Vergleichen unter Frauen nicht ebenso seltsame Blüten treibt. Doch das ist hier nicht das Thema, denn hier sind die Herren ganz unter sich. Vielleicht auch allzu sehr – interessanterweise bleibt dabei einer der Protagonisten, der Arzt (als prüfende Instanz?) namenlos. Einer der Männer hat zudem einen nichtgriechischen Namen, nämlich Josef. Die anderen Namen (Christos, Dimitris,Yorgossind) alle aus dem Griechischen. Dimitrios und Yorgos verbindet auch das altgriechische Element gê / dê = Erde) oder dem Hebräischen (Yannis, wie Josef ursprünglich hebräisch).

Nur einer der Männer fällt auf, weil er noch zu Hause bei Mama lebt, und zwar Yannis’ Bruder Dimitris. Dieser wirkt deshalb wie ein Fremdkörper unter den Männern. Sein Name, Dimitris, verweist denn auch auf Demeter, die  Erdmutter (dialektales dê = gê = Erde; mêtera = Mutter); sein Bruder hingegen ist der die Erde (gê) bearbeitende Bauer. Der mit Erektionsstörungen kämpfende Josef wiederum ist als Josef Nikolau bekannt, als ob sein nichtgriechischer (deutscher?) Vorname durch den griechischen Nachnamen relativiert werden muss. Ein perfekt besetzter Film, der ein weiteres Mal bestätigt, dass die interessantesten europäischen Filme im Moment aus dem krisengeschüttelten Griechenland kommen.

«Chevalier». Griechenland 2015. Regie: Athina Rachel Tsangari. Mit Yiorgos Kendros, Panos Koronis, Vangelis Mourikis, Makis Papadimitriou, Yorgos Pirpassopoulos, Sakis Rouvas u.a. Premiere am 17. Oktober 2016 im Stadtkino Basel; http://www.stadtkinobasel.ch. Am 23.10.16 in Anwesenheit des Schauspielers Vangelis Mourikis.

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