Orientierungslose Männer – Simon Stones «The Daughter»

Simon Stone verfilmt, basierend auf seiner eigenen Inszenierung, Ibsens «Wildente». Das wirkt aber trotzdem nie wie abgefilmtes Theater, sondern ist ein perfekt besetzter Film, der einen starken Sog entwickelt.

Christian Neilson (Paul Schneider) ist nach Hause, nach Australien zurückgekehrt, in seine frühere Heimat. Dort findet die Hochzeit seines Vaters (Geoffrey Rush) statt. Dieser will die viel jüngere Anna (Anna Torv) ehelichen. Doch auch in der Familie seines Freundes Oliver (Ewen Leslie) brodelt es und langsam wird klar, dass seine Tochter gar nicht seine Tochter ist. Dich was das für ihn, und vor allem für Hedvig (Odessa Young) und ihre Mutter (Miranda Otto) bedeutet, ist Christian, der selber unter Beziehungsproblemen leidet, nicht klar…

Odessa Young als Hedvig. (Bild: zVg)

Odessa Young als Hedvig. (Bild: zVg)

Der 1984 in der Schweiz geborene Regisseur Simon Stone, der in Sydney, Amsterdam und Basel inszeniert hat und als Schauspieler sowohl in Film («Jindabyne») als auch Fernsehen zu sehen war, überzeugt mit seinem ersten Spielfilm, in dem er seine eigene Inszenierung von Henrik Ibsens «Vildanden» mühelos von der Bühne auf die grosse Leinwand übersetzt. Nie wirkt das wie allzu dialoglastiges abgefilmtes Theater; Stone ist im Kino offenbar ebenso zu Hause wie auf der Bühne.

Als einzigen Namen hat er übrigens den der Tochter Hedvig nicht verändert – obwohl es sich dabei nicht um einen englischen Namen handelt. Hedvig (deutsch Hedwig) ist denn auch aus zwei germanischen Elementen zusammengesetzt, die in diesem Zusammenhang nicht ganz bedeutungslos erscheinen: Anstrengung (hadu) und Kampf (wig). Und Hedvig ist zwar sicher nicht die einzige, die hier leidet, aber doch die jüngste und deshalb schutzbedürftigste. Leider ist ihr Umfeld völlig unfähig, ihr diesen Schutz zu geben. Vor allem die Männer in «The Daughter» sind im Grunde genommen alle Versager, die völlig rücksichts- und verantwortungslos handeln. Ein starker Film, und es darf nicht verwundern, dass der mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Hausregisseur des Theaters Basel im Moment in den USA arbeitet und dort mit grossen Stars an seinem Zweitling feilt.

«The Daughter». Australien 2015. Regie: Simon Stone. Mit Geoffrey Rush, Paul Schneider, Anna Torv, Odessa Young, Miranda Otto, Sam Neill u.a. Premiere im Stadtkino Basel am 18. Mai 2017.

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