Zerrissenes kirgisisches Licht – Aktan Arym Kubats «Centaur»

Regisseur und Hauptdarsteller Aktan Arym Kubat fokussiert in seinem neuen Film auf verschiedene Konflikte in seinem heimatlichen Kirgisistan.

https://vimeo.com/215836314

Centaur (Aktan Arym Kubat) lebt mit seiner gehörlosen Frau (Zarema Asanalieva) und ihrem kleinen Sohn (Nuraly Tursunkojoev) in Kirgisistan. Sein Bruder ist ein grosser Fisch; er selber schlägt sich mehr schlecht als recht durch – er kann sowohl mit dem Islam als auch mit der Welt der Geschäfte nichts anfangen. Er sieht sich eher als Nachfahr der heroischen, mit den Pferden symbiotisch lebenden heidnischen Kirgisen, deshalb nennt man ihn Centaur. Als seinem Bruder Karabay (Bolot Tentinmyshov) ein edles Tier gestohlen wird, verdächtigen die Menschen aber nicht den harmlosen Centaur, sondern einen stadtbekannten Dieb…

Der Sonderling Centaur (Aktan Arym Kubat) mit seiner Familie. (Bild: zVg)

Der Sonderling Centaur (Aktan Arym Kubat) mit seiner Familie. (Bild: zVg)

Aktam Aryam Kubat, hierzulande bereits bekannt dank Filmen wie «The Light Thief» und «Beschkempir», liefert mit seinem neuen Film eine Art Bestandesaufnahme seiner Heimat zwischen (konkurrierenden) Tradition(en) und Moderne. Denn nicht nur zwischen den alten heidnischen Legenden und Bräuchen und dem Islam, auch zwischen verschiedenen Strömungen des Islam, zwischen russischer und kirgisischer Kultur und Sprache suchen der Centaur und seine Landsleute nach einer eigenen Identität. Diese Unsicherheit, ja Zerrissenheit spiegelt sich in Centaurs Sohn Nurberdi, der nicht reden will – was allerdings sicherlich nichts mit seiner Mutter zu tun hat. Diese kann zwar nicht lautsprachlich reden, sie kann aber gebärden und ist letztlich viel mitteilsamer als ihr Gatte, der Sonderling.

Centaur und sein Bruder Karabay stehen für zwei Entwürfe der nationalen Identität; Centaur für ein naturverbundenes Ideal, das vorislamische Praktiken wiederaufleben lassen will, Karabay appelliert sowohl an das Nationalbewusstsein seiner Mitmenschen wie auch an ihre religiösen Gefühle. Centaur aber definiert sich (auch?) über eine von aussen aufgezwungene Identität. Er selber sagt, dass die Westler die Kirgisen früher für Zentauren gehalten haben. Hier zeigt sich, dass auch seine eigene Ethnogenese eigentlich von aussen kommt und mit der aktuellen Lebenswelt seiner Mitmenschen nur wenig zu tun hat. Allerdings ist Aktan Arym Kubats Herz immer auf der Seite der Aussenseiter. Das hat er u.a. auch schon in seinem letzten Film, «The Light Thief», gezeigt. Er selber wurde ja adoptiert und weiss deshalb auch aus familiären Gründen, was es heisst, zwischen den Identitäten zu leben. Um dies zu symbolisieren, hat er seinen früheren Familiennamen Abdykalikov durch den Vornamen seines biologischen Vaters (Arym) und den seines Adoptivvaters (Kubat) ersetzt.

«Centaur». Kirgisistan/Frankreich/Deutschland/Niederlande 2017. Regie: Aktan Arym Kubat. Mit Aktan Arym Kubat, Nuraly Tursunkojoev, Zarema Asanalieva, Taalaikan Abazova, Bolot Tentimyshov u.a. Deutschschweizer Kinostart am 22. Juni 2017.

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