Geschichtsklitterung für Fortgeschrittene – Emir Kusturicas «On the Milky Road»

Emir Kusturica überzeugt mit seinem neuen Film auf der ganzen Linie. Allerdings nur umgekehrt. Es handelt sich um eine Art trashige Selbstbeweihräucherung von Meister Kusturica, mit Monica Bellucci als Madonnenfigur. Kusturica war sich dabei auch nicht zu schade, seinen Beitrag zu «Words with God» zu rezyklieren.

Der Milchbauer Kosta (Emir Kusturica) lebt in einem abgelegenen Dorf auf dem Balkan. Der Krieg ist am Wüten, doch der verwirrt wirkende Kosta, dessen Vater auf barbarische Art umgebracht wurde, lässt sich davon nicht beirren. Das Leben geht weiter, und seine Hochzeit steht an. Doch da lernt er eine schöne Italienerin (Monica Bellucci) kennen…

Grosser Scoop: Regisseur Emir Kusturica im Zustand geistiger Umnachtung. (Bild: zVg)

Grosser Scoop: Regisseur Emir Kusturica im Zustand geistiger Umnachtung. (Bild: zVg)

Natürlich stammen die wirklich grossen Filme von Kusturica aus den 80er Jahren – «When Father was Away on Business» (1985), «Do You Remember Dolly Bell» (1981), «Time of the Gypsies» (1988) und doch hat uns Kusturica auch in den 90er und 00er Jahren immer wieder interessante Werke vorgelegt, in denen allerdings das allzu klamaukige immer mehr überhandnahm. Diese Tendenz war wohl auch schon in «Life is a Miracle» (2004) spürbar, doch auch dieser Film wusste noch zu überzeugen; ebenso auch «Promise Me This» (2007), bei dem der Soundtrack zum ersten Mal von Sohnemann Stribor Kusturica stammte.

Stribor ist auch dieses Mal mit von der Partie, doch «On the Milky Road» ist eine herbe Enttäuschung. Es ist ein immer wieder trashiges Werk, das vor allem – bei einer Laufzeit von etwa zwei Stunden – immer schlechter wird, immer mehr abdriftet in propagandistische Gefilde. Was schon bei «Underground» (1995) kritisiert wurde, der angebliche (?) politische, rechtsnationalistische Subtext, wird hier nun wirklich unerträglich. Kusturica hatte wohl schon früh (aber noch nicht in seinen in seiner ursprünglichen Heimat Bosnien angesiedelten Filmen) die Tendenz zu ethnischen Stereotypen, gerade etwa in «Underground». Dies ist in «On the Milky Road» wohl nun aber nicht das Problem. Aber die Präsenz von namenlosen, grünschwarz angemalten (englisch sprechenden!) diabolischen Elitesoldaten zeigt nun doch leider nur allzu klar, dass Kusturica überall (westliche) Verschwörungen wittert.

Nun ist der Zerfall Jugoslawiens sicher nicht eine rein interne Angelegenheit, doch Kusturicas revisionistischer Duktus passt nun wirklich besser in einen propagandistisches Trashfilm als ins Arthaus-Kino. Traurig, aber wahr: «On the Milky Road» hat (trotz allen typisch kusturicesken Elementen, die hier aber am ehesten eine Karikatur der Karikatur sind) mehr gemein mit Angelina Jolies «In the Land of Blood and Honey» als mit Kusturicas grossen früheren Filmen. Kusturica, der aus einer bosnisch-muslimischen Familie stammt, ist nun leider endgültig ein (künstlerisches) Opfer des Bürgerkriegs in Jugoslawien. Er hat sich von seinen muslimischen und/oder atheistischen Wurzeln losgesagt und ist in den Niederungen der Propaganda angekommen. Anders als D. W. Griffiths oder Leni von Riefenstahls Werke hat aber «On the Milky Road» leider filmisch nichts zu bieten.

Kusturica hat selber gesagt, dass er sich mit Milos in «Life is a Miracle» identifiziert: dem ahnungslosen, naiven Milos. In seinem neuen Film ist er selber nun dieser Milos: an einer Stelle redet er von einem Uhrwerk aus der österreichisch-ungarischen Zeit. Der Arzt meint, dieser Mann gehöre in die psychiatrische Anstalt. Der Clou ist natürlich, dass sich Kusturica hier als der Mann mit dem korrekten Geschichtsbewusstsein erklärt. Wer diesen Film gesehen hat, weiss aber, dass Kusturica eben wirklich Milos ist: völlig ahnungslos.

«On the Milky Road». Serbien/UK/USA 2017. Regie: Emir Kusturica. Mit Emir Kusturica, Monica Bellucci, Slobodan Micalovic, Miki Manojlovic, Bajram Severdzan u.a. Deutschschweizer Kinostart am 21. September 2017.

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